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Krimiraten Ludwig
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Geliebte Tina



  Er wird sie nicht erreichen, denke ich, während ich mit dem Putzeimer an seinem Arbeitszimmer vorbeikomme und sehe, dass er den Telefonhörer in der Hand hält. Montags erreicht er sie nie. Nicht um diese Uhrzeit.
  „Sie wird in der Uni sein“, sage ich, betont uninteressiert und ärgere mich darüber, dass er das immer wieder vergisst. Dabei kann er unmöglich schon so verkalkt sein! Zumal er ja selber noch bis vor Kurzem als Lehrer am Kleist-Gymnasium gearbeitet hat. Und er, das ist: Dr. Peter Reinhold, gute einsachtzig groß, graue Schläfen, blitzende Blauaugen – ein Traum von einem Mann! Aber was nützt mir das schon? Für ihn bin ich nicht mehr als die Tante seiner Traumfrau Tina, mit der er alle drei Tage telefoniert.

  „Mein halbes Leben lang“, hatte er ihr bereits bei ihrem ersten Telefongespräch erzählt, „habe ich Mathe und Biologie unterrichtet.“ Und Tina hatte gelacht. Mit ihrer jungen, hellen, mädchenhaften Lache. „Ausgerechnet meine beiden Hassfächer!“, sagte sie dann und berichtete ihm von ihren Lieblingsfächern: Englisch und Geschichte, weshalb sie sich auch für ein Studium in Anglistik und Neuere Geschichte entschieden habe. Auf Lehramt.
  Ja, beteuerte sie auf seine Frage, natürlich würde sie sich gerne mal mit ihm treffen und nachmittags habe sie auch eigentlich immer Zeit. Nur diese Woche sei es schlecht, da gerade so viele Prüfungen und Klausuren anstünden, für die sie lernen müsse, aber vielleicht am Samstag? „Ruf mich doch einfach morgen noch mal an, Peter, dann kann ich dir genau Bescheid geben und dann lass uns was ausmachen, ja?“
  Peter Reinhold rief von da an immer öfter an, und die Gespräche dauerten nicht selten bis zu einer Stunde. Sie redeten über Tinas Studium, über ihre Freunde, über Partys, auch über seine Zeit damals als Lehrer und nicht zuletzt darüber, wann man sich denn nun endlich einmal sehen könne.
  Er hatte keine Ahnung, wie gut ich über diese zusehends vertrauter werdenden Gespräche längst Bescheid wusste. Ich kannte Reinholds Sternzeichen ebenso wie seine Hobbys. Selbst über den tödlichen Unfall seine Ehefrau von vor zwei Jahren hatte er Tina erzählt, und auch dass seine Wirtschafterin vor kurzem geheiratet, und deshalb bei ihm gekündigt hatte.
  Viel lieber als selber zu reden, lässt sich Peter Reinhold von ihr, von Tina, etwas erzählen. So erkundigt er sich stets peinlich genau nach ihrem jungen Studentinnenleben, betont dabei häufig, mit möglichst viel väterlichem Tremolo in der Stimme, dass er ja eigentlich schon „viel zu alt“ für sie sei, um sich dann umso geschmeichelter zu geben, wenn sie daraufhin etwas von der „Erfahrung älterer Männer“ erwähnt und dass sie mit diesen „ganzen jungen Schnöseln“ noch nie etwas habe anfangen können.
  Himmel, das ist doch nichts als dummes Gerede! Glaubt er das etwa selber? Kommt er denn wirklich nicht von sich aus auf den Gedanken, dass ein zwanzigjähriges Mädel nicht zu einem Mann von beinahe sechzig passt?

  Wütend schlage ich das nasse Wischtuch auf dem Küchenfußboden auseinander und denke an den ersten Tag bei ihm zu Hause zurück. Im Augenwinkel der Blumenstrauß auf dem Regal, den er für sein erhofftes Rendezvous für heute Abend schon gekauft hat.

  „Ich muss zugeben“, gestand er mir an jenem Tag vor drei Wochen, als ich in seiner luxuriös ausgestatteten Eigentumswohnung auf einem sahneweißen Sofa saß, „dass ich erst einmal ein paar Nächte darüber schlafen musste, bevor ich es wagte, Sie anzurufen. Es ist ja doch eine etwas merkwürdige Situation, ich meine: Sie für mich arbeiten zu lassen, wo sie doch Tinas Tante sind. Außerdem hatte ich befürchtet, Sie könnten böse auf sie sein, weil sie mir einfach so Ihre Nummer gegeben hat.“ Ich strich mir eine dunkle Locke hinters Ohr, hob die Schultern unter meiner blauen Kostümjacke und fragte:
  „Warum sollte ich? Sie suchen eine Haushaltshilfe und ich einen Job. Also wozu extra eine Anzeige schalten, wenn es so einfach geht?“

  Ich wusste selber nicht genau, warum ich mich darauf eingelassen hatte. Aber nachdem ich seine melodische Samtstimme am Telefon hörte, ließ mir die Neugier einfach keine Ruhe mehr. Sein Charme war umwerfend. Und wenn er mir schon einfach so einen Job anbot... Warum eigentlich nicht? Was hatte ich zu verlieren? Ablehnen könnte ich die Stelle immer noch, aber ich musste ihn erst mal sehen. Wenigstens einmal. Vielleicht würde ich ihn dann ja sowieso ganz abstoßend finden, mit Bierbauch und schmieriger Pomade im spärlichen Haarkranz. Stimmen können täuschen. Diese tat es gemeinerweise nicht.

  „Apropos Anzeige schalten“, sagte der Mann mit den markanten Gesichtszügen und dem hellen Leinenanzug also an jenem Nachmittag, machte eine Pause, in der er angespannt auf die Tischplatte schaute und fuhr schließlich fort: „Tina sagt, Sie hätten beide ein sehr gutes Verhältnis miteinander.“ Er sah wieder auf. „Hat sie Ihnen dann auch erzählt, wie wir uns kennengelernt haben?“
  „Bis jetzt wohl noch gar nicht“, platzte ich unüberlegt heraus, räusperte mich und setzte ein: „Pardon, ich meine: nicht persönlich“, hinterher. „Aber mir ist natürlich bekannt, dass Tina eine Annoce aufgegeben hat, über die sie... einen Partner sucht.“
  „Nun bin ich ja zwar schon um einiges älter als Ihre Nichte - “
  Das kann man wohl sagen, dachte ich bei mir; konnte jener frühpensionierte Lehrer doch altersmäßig locker ihr Vater, ja, fast sogar ihr Großvater sein! Egal, wie gut er dabei aussah. Dass der Mann, der ja auch mich noch um beinahe fünfzehn Jahre überrundete, darüber hinaus haargenau mein Typ war, war wieder eine ganz andere Sache.
  Peter Reinhold saß mir gegenüber auf dem sahneweißen Sofa und lächelte offen. Ich schaute auf seine Hände. Groß waren sie, leicht gebräunt und schön geformt.
  „Ich hoffe, das ist kein Problem für Sie.“
  „Wieso für mich?“, fragte ich harmlos zurück und zog die Brauen in die Höhe. „Tina ist volljährig, sie kann tun und lassen was sie will. Und dass ältere Männer oft davor zurückschrecken, sich mit Damen ihrer eigenen Altersklasse einzulassen, ist ja nichts Neues.“ Peng! Da war es heraus und sein sympathisches Lächeln, das um die blauen Augen tanzte, gefror. „Ach -- so sehen Sie das?“
  „Wie sollte ich es denn sehen, wenn nicht so?“, wollte ich wissen, und das wollte ich wirklich: Warum meldet sich ein hoch gebildeter, gut situierter und durchaus attraktiver Mann von Ende fünfzig auf die Kontaktanzeige eines zwanzigjährigen Mädchens?
  „Wir verstehen uns sehr gut, Ihre Nichte und ich“, beteuerte er nach einem kurzen abwartenden Moment etwas ausweichend, nachdem er von mir nicht die Reaktion erhielt, die er sich offenbar erhofft hatte. Dann schenkte er mir endlich wieder jenes warme, anziehende Lächeln, das meinen Puls augenblicklich schneller schlagen ließ. „Und wissen Sie, was? Sie hat mir eine Menge über Sie berichtet.“
  „Tatsächlich?“ Verschämt wich ich seinem Blick aus, denn ich spürte, wie mir die Röte bis über beide Ohren zog. Viel zu viel wusste er bereits von mir, nicht nur über meinen erlernten Beruf als Bürokauffrau, mein Alter und meine derzeitige unsichere wirtschaftliche Lage; nein, auch über die Trennung von Karsten, der mich vor einem Jahr sitzenließ, war er bestens unterrichtet.
  Zunächst machte es mir nichts aus, dass Reinhold dies alles bereits im Vorfeld von Tina erfahren sollte. Aber an diesem ersten Tag war es mir dann doch irgendwie unangenehm. Peter Reinhold war kultiviert genug, dieses Kapitel nicht anzuschneiden.
  „Geradezu geschwärmt hat sie von Ihnen“, kam es statt dessen, und: „'Meine Tante Iris müsstest du kennenlernen!', hat sie gesagt. 'Das ist eine klasse Frau, Ihr würdet euch bestimmt super verstehen!'. Fast so, als ob sie uns beide – wie sagt man heute? - verkuppeln will!“ Er lachte und ich lachte mit und dachte: Wenn du wüsstest, wie recht du hast..! Innerlich aber schüttelte ich längst den Kopf über diesen albernen Plan. So eine Schnapsidee!

  Ich überlege lange, ob ich die Stelle als Haushaltshilfe wirklich annehmen sollte. Jeweils Montags und Donnerstags. Zwei große Zimmer, Bad, Küche, Balkon, dazu waschen, bügeln. Ich bin alles andere als arbeitsscheu, aber die ganze Situation war doch mehr als befremdlich: Da sollte ich ausgerechnet bei dem Mann die Wohnung putzen, der ständig bei seiner Tina anruft, und sich nichts auf der Welt so sehr wünscht, wie seine Traumprinzessin endlich einmal zu treffen!
  Tina, die ihn doch immer wieder mit den ausgeklügeltesten Ausreden auf Neue vertröstete: Erst waren es die Klausuren, für die sie lernen musste, dann kam eine dicke Grippe, die sie angeblich wochenlang ans Bett fesselte, und jetzt der überraschende Logierbesuch der liebeskranken Freundin, die angeblich rund um die Uhr getröstet werden musste.
  Reinhold glaubte jedes Wort, stand mit Rat und Tat beiseite und erklärte sich selbstverständlich auch sofort bereit, bei der Wohnungssuche für die Freundin zu helfen. Dieser gutmütige Trottel! Merkte er denn überhaupt nichts?

  Nun ist also wieder Montag, und ich höre seine Stimme von nebenan: „Ist Tina da? - Ja, danke, ich warte.“ Ich presse meine Lippen zusammen, fege mit dem Schrubber zornig über den Fliesenboden. Du Dummkopf! Tränen stehen mir in den Augen. Wann erkennst du endlich, dass sie von dir nichts wissen will? O wie ich es hasse, dieses niederträchtige Spiel, wenn er mich fragt, ob ich sie mal wieder gesehen hätte und ob sie denn ihre Grippe gut überstanden habe und ob ich sie besucht oder gesprochen hätte in der letzten Zeit..? Sogar Hustensaft hat er mir neulich für sie mitgegeben – mit einer roten Rose dazu, und ich hätte heulen können, so schäbig fühlte ich mich.
  Wie soll ich ihm die Wahrheit beibringen? Wie? Zumal er für mich zwar durchaus Sympathie empfindet, und ich von vornherein mehr für ihn war als „nur“ eine simple Haushaltshilfe. Aber dieses Mehr bezieht sich nun mal darauf, Tinas Tante zu sein. Und so plaudert man halt hin und wieder ein bisschen mehr miteinander als man es mit einer völlig fremden Wirtschafterin getan hätte.
  Oft trinken wir noch nach Feierabend eine Tasse Tee miteinander, bevor ich mich auf den Heimweg mache. Seinen permanenten Erkundigungen nach Tina versuche ich dabei so gut wie möglich auszuweichen, indem ich mich immer öfter nach dem Buch, an dem er zurzeit arbeitet, erkundige. Es stützt sich auf irgendwelche neuen biologischen Forschungsergebnisse in der Genetik, von denen ich nichts verstehe. Sie interessieren mich auch nicht sonderlich, aber ich liebe jenen erfrischenden Enthusiasmus, der in seinen Augen leuchtet, wann immer er mit großen, ausladenden Gesten über sein Lieblingsthema referiert. Dann höre ich ihm zu, genieße seine Nähe, seine Wärme, seine wunderbare Ausstrahlung – und bedaure es, nicht die süße, blonde, zwanzigjährige Tina zu sein, die alles für ihn ist, während er Frauen meines Alters offenbar längst in die Kategorie 'alte Schachtel' abgeschoben hat. Wann immer mir dieser Gedanke kommt, spüre ich wieder die Wut in mir hochkochen und ich versuche ihn zu hassen, aber es gelingt mir nicht. Im Gegenteil.
  Ich liebe Peter mehr von Tag zu Tag, und oft genug quäle ich mich mit Selbstvorwürfen, verfluche Tina und weine mich in den Schlaf. Was habe ich mir denn auch erhofft?, frage ich mich dann. Dass er mich sieht, sein Herz an mich verliert, erkennt, dass Tina nichts für ihn ist und er sie nie wieder anruft? Ja, verdammt!, das habe ich mir erhofft, genau das. Und wäre es denn so abwegig gewesen? Ist doch sowieso völlig hirnrissig, sich übers Telefon zu verlieben, in irgendeine gesichtslose Stimme! Aber ist es mir denn anders ergangen..?

   „Sie hat mir gesagt, wie gerne sie ins Theater oder in die Oper geht!“, rief er letzte Woche gut gelaunt ins Wohnzimmer. Ich stand auf der Leiter, nahm die schweren Vorhänge zum Waschen von der Gardinenstange. „Was, meinst du, hält sie von 'Fidelio'?“ Schon seit unserem zweiten Treffen waren wir zum 'Du' übergegangen.
  „Sag bloß, ihr beide habt es endlich geschafft?“, gab ich zurück und reckte mich, um den kostbaren Stoff von den Ringen zu fädeln.
  „Du wirst es nicht glauben: Wir haben!“ Peter lachte. Der letzte Ring war gelöst. „Die Freundin ist nämlich nach fürsorglicher Pflege seelisch endlich soweit wieder hergestellt, dass sie auch mal einen Abend alleine bleiben kann, und das heißt - “ Seine fröhliche Laune tat mir weh. Er wedelte mit den Konzertkarten. „In einer halben Stunde ruf ich sie nochmal an, und dann treffen wir uns vor dem Openhaus!“ Wart's ab, dachte ich bitter. Sie wird nicht kommen.
  Mit gesenktem Kopf trabte Peter dreißig Minuten später aus dem Arbeitszimmer heraus über den Flur.
  „Na und? Was sagt sie?“ Ich hasste mich für diese Frage. Peter zuckte die Schultern, schwieg. Aber ich wusste ja sowieso längst Bescheid.
  „Es tut mir leid“, sagte ich aufrichtig und ging in die Küche. Es war zum ersten Mal, dass ich das sagte. Ich setzte Wasser auf für unseren gemeinsamen Tee. Hinter meiner Stirn pochte das schlechte Gewissen.
  „Sie war gar nicht da“, bemerkte er jetzt wie nebenbei, krampfhaft versucht, nicht allzu enttäuscht zu klingen, und: „Na ja, was soll's! Wohl irgendwas dazwischen gekommen. So was kommt vor.“
  „Ja.“ Ich stellte uns Tassen aufs Tablett. „Jedes Mal.“ Meine Hände zitterten. Ich angelte nach der Zuckerdose auf dem Regal.
  „Und wie sieht's bei dir aus?“, fragte er nun ein wenig zögernd, indem er hinter mir stehenblieb. „Hast du schon was vor heute Abend?“

  Endlich, endlich, endlich! Ich tanzte durch mein kleines Apartment, wählte ein fliederfarbenes Abendkleid aus dem Schrank und strahlte mich damit in der verspiegelten Tür glücklich an. Um zehn vor acht vorm Opernhaus – ich konnte es kaum erwarten!
  „O, ich werde so schön für dich sein“, hauchte ich in mein Spiegelbild, „so schön, so schön! Und dann wirst du deine Tina endlich vergessen!“

  Die Aufführung war fantastisch und keine Sekunde dachte ich daran, dass er eigentlich mit Tina hier sein wollte. Gefesselt von der Handlung des Stücks fieberte ich mit der als Mann getarnten Leonore mit, die im düsteren Kerker von Sevilla ihren Florestan suchte, und ich weinte vor Rührung, als sie ihn endlich fand und vor dem Tod rettete. Dazu die göttliche Musik Beethovens, die die ganze dramatische Handlung einbettete, bis sie schließlich überging ins große Finale. O was für ein herrlicher, unvergesslicher Kunstgenuss! Ich klatschte mir fast die Hände wund, als der Vorhang fiel und später noch, in dem kleinen Weinlokal in der Südstadt war mein Herz übervoll vor Seligkeit.
  „Was für ein wunderschöner Abend ist das heute!“, schwärmte ich. Die Gläser klirrten, mit denen wir uns zuprosteten. „Ich hätte nie gedacht, dass wir heute zusammen ausgehen würden!“
  „Nun ja“, erwiderte er, und ich schmolz dahin unter Peters bezauberndem Lächeln, „beinahe wäre es ja auch anders gekommen, und ich säße jetzt mit deiner Nichte hier.“
  „Bereust du es?“, platzte ich heraus.
  „Aber nein. Es ist doch ein ganz hübscher Abend gewesen.“ Ein Hieb in die Magengrube. Es lag an seinem „gewesen“. War denn der Abend für ihn schon vorbei? Wir waren ja noch nicht einmal zehn Minuten im Lokal und hatten uns auch noch gar nicht über die Aufführung unterhalten, wozu ich nun mit ein paar lobenden Bemerkungen über die Künstler und das Orchester endlich anhob. Aber es war eine ziemlich einseitige Unterhaltung, denn bis auf ein paar: „Ja, das finde ich auch“ und höflichem Nicken fiel dem erklären Opernfreund nicht viel zu entgegnen ein, und ich erkannte, dass er mit seinen Gedanken meilenweit weg war. Ich wusste, wo.
  Peter lenkte seinen Mercedes durch die Südstadt meinem Wohnhaus entgegen. Ein leichter Nieselregen war aufgekommen, der leise gegen die Scheiben prasselte. Die Fahrt bis hierher hatte niemand von uns ein Wort gesprochen und so selig ich mich noch eine Stunde zuvor gefühlt hatte, so hundeelend ging es mir jetzt. Aber als er nun in einen freien Parkhafen steuerte und den Motor abstellte, schöpfte ich wieder Hoffnung. Ich konnte es einfach nicht loswerden, dieses sehnsuchtsvolle Ziehen in meinem Herzen. Er sah mich an, und die Berührung seiner Hand ging mir wie Strom unter die Haut, als er nach meiner Rechten griff.
  „Es tut mir leid, dass ich heute nicht sonderlich gesprächig bin, Iris“, gestand er. Warm umschloss er meine Finger. „Ich hoffe, du verstehst das nicht falsch.“ Ich versank in seinen Augen wie in einem tiefen Ozean. „Das hat nichts mit dir zu tun, ganz im Gegenteil , es ist wegen...“
  Jetzt!, kommandierte es da plötzlich in mir und ich nahm allen Mut zusammen, unterbrach: „Peter, ich muss dir etwas sagen.“ Es muss raus!, schrie es in mir, jetzt oder nie! Ich kann nicht weiter mit dieser Lüge leben! „Ich hätte – “ Ich schaffte es nicht, seinem fragenden Blick standzuhalten, wandte die Augen ab, starrte verkrampft gegen die Windschutzscheibe. „ – hätte es dir schon längst sagen sollen. Die Sache mit Tina - “ Ich zog meine Hand weg, krallte die Finger ineinander. „Da gibt es etwas, das du wissen musst. Mir ist klar, was du für sie empfindest, und es wird sicher schwer für dich sein, vielleicht wirst du mich sogar hassen dafür, aber...“
  „Gib dir keine Mühe“, war er es nun, der meine holperig-stolperige Rede unterbrach und sein: „Ich weiß es längst“ traf mich wie ein Donnerschlag. Abrupt ging mein Blick zu ihm zurück. Mit großen Augen und offenem Mund. „Du... weißt es?“ Stummes Nicken. „Aber woher?!“ Ich schrie es fast.
  „Tina sagte es mir“, kam es dumpf. „Der Konzertbesuch sollte so etwas wie mein Abschiedsgeschenk an sie sein, bevor sie nach Berlin geht.“ Trottel!, dachte ich und wischte mir matt mit dem Handrücken über die Stirn. Nichts weißt du, gar nichts. „Sie sagte mir, sie hätte sich schon vor einem Jahr an der Humbold-Universität beworben. Na ja, und gestern offenbarte sie mir dann, dass Ihr Zulassungsbescheid endlich gekommen sei. Am Dienstag verlässt sie Köln.“

  Ich schrubbe den Küchenboden und denke an heute Abend. Blinzle die Tränen weg, die schon wieder in mir aufsteigen. Morgen, hat er gesagt, morgen fährt sie weg. Er will sie zum Bahnhof bringen. Vorher will er sie aber noch treffen, sie zu einem Abschiedsessen einladen und ihr den Blumenstrauß schenken, der seit heute morgen, in Zellophan eingeschweißt, auf dem Regal im Wasserkrug steht. Neben der Zuckerdose.
  Wie albern, wie lächerlich ist das alles! Hat er denn immer noch nicht gemerkt, dass er sich immer und immer wieder aufs Neue zum Narren macht? Dass er sie nie-niemals in seinem ganzen Leben treffen wird?

  Eines Tages wird er es begreifen, denke ich später auf meinem Weg nach Hause. Eines Tages begreifen es alle und rufen dann nicht mehr an, nachdem sie Wochen oder – ganz Hartnäckige – sogar Monate lang auf ihr erträumtes Date gehofft haben und bis dahin nur Unsummen an Telefonkosten ausgegeben haben. So ist es bei allen. Und so wird es auch bei Peter sein. Bald schon. Spätestens, wenn er auf die Idee kommen sollte, Tina in Berlin zu besuchen und sie ihm dann wieder mit einer Ausrede kommt. Aber vielleicht ja auch schon vorher.
  Und ich – wann würde ich ihm endlich die Wahrheit gestehen? Letzte Woche im Auto nach dem Opernbesuch und halb berauscht von gerade mal einem Glas Merlot hätte ich es beinahe getan.
  Ob es besser war, es bleiben gelassen zu haben, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich ihn liebe. Und dass diese Liebe keine Zukunft hat, weiß ich inzwischen auch. Darum ist es vielleicht wirklich besser, ihn auch weiterhin im Unklaren zu lassen. Denn Tina wird immer zwischen uns stehen. Und mit ihr die Lüge, die in meinem Herzen brennt und die mich über kurz oder lang unweigerlich dazu bringen wird, meine Stellung bei ihm aufzugeben. Dass mir das finanziell nicht schaden wird, ist dabei nur ein schwacher Trost.
  Schließlich habe ich ja noch den anderen Job...

  Ein allabendlicher Kaffeepott zu meiner Rechten in meinem kleinen Kölner Apartment. Es ist Montag, neunzehn Uhr, und das Telefon neben der Tasse läutet.
  „Hi, Iris!“, klingt es fröhlich durch den Hörer, den ich routiniert zwischen Kinn und Schulter klemme, während ich mit meinem Kuli zum Schreiben ansetze. „Sei doch bitte mal bis fünfundzwanzig, aus Bielefeld, mollig und geschieden“, kommt die Anweisung der Agentur. Ich gebe ein „Danke“, zurück, warte auf den Pieps in der Leitung und setze eine etwas hellere Stimme auf. Zehn Minuten später ruft Heiner aus Bremen an, für den ich zweiundfünfzig bin und vielbeschäftigte Chefsekretärin.
  Ein Treffen? Ja, natürlich, habe es nicht vergessen, nur heute ist es schlecht, aber erzähl doch mal von dir; was hast du denn so gemacht den ganzen Tag?
  Irgendwann ist es dann zwanzig Uhr. Es läutet.
  „Einmal die Tina bitte, für den Peter aus Köln“, klingt es durch die Leitung. Ich schlucke meine heißen Tränen runter, warte auf den Pieps –
  und spiele meine Rolle.


Ende





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