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[Textprobe aus 'Lupara Bianca', Thriller, insgesamt 380 Seiten]

Lupara Bianca


1

  „Susanne Novak“, sagte die Frau in dem hellgrauen Businesskostüm und: „Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.“ Ihre Stimme war klar und deutlich, ihr Händedruck fest und der Blick aus dezent geschminkten Bernsteinaugen schwankte zwischen Neugier und Aufrichtigkeit.

  „Warum hat er Sie geschickt?“, fragte Mattis.

  „Setzen wir uns erst einmal. Dann spricht es sich angenehmer.“ Ein Hauch blumigen Parfüms umschmeichelte die Frau, während sie mit gleichmäßigen Schritten voranging. Nahezu geräuschlos nahm sie Platz. Stefan Mattis zog einen Stuhl heran und setzte sich. Blütenweißes Tischtuch. Kunstblumenbukett in Styropor gepresst. Er hasste solchen Kitsch, schob das Arrangement von der Mitte zur Seite und fragte: „Warum ist er nicht selbst gekommen?“

  „Wir sollten etwas bestellen“, sagte Susanne Novak. Sie platzierte ihre Handtasche – schwarzer Lack in Form eines etwas zu groß geratenen Briefkuverts – auf einem Nebenstuhl. „Vielleicht Kaffee oder – “ Ihre schmal gezupften Augenbrauen hoben sich etwas pikiert, während sie die schlaksige Gestalt mit den übernächtigt geröteten Augen und der abgetragenen Lederjacke musterte, „- möchten Sie vielleicht lieber ein Bier?“

  „Ich möchte wissen, warum er Sie geschickt hat“, beharrte Mattis. Er bestellte zwei Tassen Kaffee und fuhr sich ärgerlich mit einer Hand durch seine schwarzbraune Mähne, die schon seit Monaten keinen Frisör mehr gesehen hatte.

  Ganze vier Stunden hatte er bis nach Hamburg gebraucht. Dabei gab es für ihn weiß Gott Besseres zu tun, als nach der Pfeife seines kleinen Bruder zu tanzen, von dem er seit Jahren nichts mehr gehört hatte. Aber der Anruf von heute Morgen hatte ihm einfach keine Ruhe gelassen:

  „Stefan, bist du's?“ Nick klang aufgeregt, fast so wie damals, als das mit Patty passiert war. „Hör zu, Stefan, ich bin in großen Schwierigkeiten, du musst mir unbedingt helfen! - Ich gebe dir jetzt eine Adresse durch, da treffen wir uns heute Nachmittag, um vier.“ Schlaftrunken notierte Stefan die Anschrift, die sein Bruder ihm nannte, aber bevor er noch eine Frage an ihn stellen konnte, war die Verbindung unterbrochen. Zwecklos, noch einmal zurückzurufen. Denn die Nummer des Anrufers war unterdrückt gewesen.

  Dann der Treffpunkt: Alte Elbstraße Nummer fünf, Gartenhaus, dritte Etage. Eine unbewohnte, völlig versiffte Bruchbude, in der niemand auf Stefan wartete. Nicht um vier, und auch nicht um fünf Uhr. Einzig die Zigarettenschachtel, die er auf einem dreckverkrusteten Fensterbrett fand, schien darauf hin zu deuten, dass Nick hier gewesen sein musste. 'Sinclair`s'. Nicks Marke. Außer seinem Bruder kannte Stefan Mattis niemanden, der dieses Kraut rauchte. Die Schachtel war leer. Auf dem Deckel ein paar Ziffern notiert, mit Bleistift, daneben ein großes „B“ mit einem Punkt dahinter. Eine Telefonnummer? Stefan Mattis hackte die Ziffern in sein Handy. Es läutete zweimal.

  „Pension Wenzel, guten Tag.“

  „Tag, mein Name ist Mattis“, sagte Stefan. „Ich wollte fragen, ob...“

  „Ah, der Herr Mattis, selbstverständlich. Sie werden bereits erwartet. - Haben Sie unsere Adresse? - Nein? - Dann gebe ich sie Ihnen eben durch...“

  Eine Pension am Stadtrand. Schmuckloser Schuhkarton aus zwei Etagen. Laternen vorm Portal, dünne Bäumchen im Garten. Lindgrüne Wände rochen nach frischer Farbe und wiesen, in einem Gang hinter der Rezeption, zum Frühstückszimmer, in dem Stefan Mattis nun anstelle seines Bruders jener Susanne Novak gegenüber saß, die langsam und bedächtig Zucker in ihrer Kaffeetasse verrührte. Ein kleiner Brillant funkelte an ihrem Ringfinger. Dezent und elegant wie alles an dieser Frau: Ihr Kostüm, ihr im Nacken festgestecktes honigblondes Haar, ihr Blick, ihr Make-up, Selbst ihre Geste, mit der sie den Löffel jetzt auf den Unterteller legte und die Tasse hob, um an ihrem Kaffee zu nippen.

  „Herr Kronberg lässt Ihnen ausrichten“, sagte sie zwischen zwei Schlucken und setzte die Tasse ab, „dass er über Ihr Angebot nachgedacht hat und die Bücher haben möchte.“ Abwartend schaute sie Stefan an. Der runzelte die Stirn. „Ich spreche von den Büchern“, setzte sie erklärend hinzu, „die Sie Herrn Kronberg angeboten haben.“

  „Habe ich das? Da muss ich ja restlos besoffen gewesen sein.“

  „Anscheinend.“ Ein süßsaures Lächeln legte sich für einen Moment auf die feingeschwungenen Lippen der Frau. „Doch darüber, dass es ein Fehler war, sich auf diese Sache einzulassen, müssen wir wohl nicht weiter reden.“ Susanne Novak sprach mit gleichbleibend ruhiger Stimme, ihre Hände lagen gefaltet auf der blütenweißen Tischdecke. „Sie sollten besser versuchen, Ihre Haut zu retten. Herr Kronberg hält nämlich ebenso wenig Wort wie Dr. Larnowski. Im Klartext heißt das: Sie werden nicht einen Cent von diesen Herren bekommen, falls Sie auf die dumme Idee kommen sollten, ein weiteres Mal im 'Cinderella' aufzutauchen.“ Sie machte eine Pause. „Sie werden auf keinen Fall einen Profit herausschlagen“, betonte sie dann, so als wartete sie auf eine bestimmte Reaktion, die ausblieb. Noch immer schien die Frau äußerlich ganz ruhig, aber in ihren Augen blitzte eine leise Wut auf und die dünnen Brauenbögen zogen sich zusammen, als sie sagte: „Was haben Sie sich bei all dem nur gedacht? Wie sind Sie überhaupt an die Bücher herangekommen? Herr Kronberg wusste nicht einmal, dass sie existieren, geschweige denn Dr. Larnowski. Wie also konnten Sie davon erfahren?“

  „Das frage ich mich auch. Aber bevor Sie mit Ihrer Märchenstunde fortfahren, wüsste ich jetzt endlich gerne, wo er steckt, und warum er nicht gekommen ist.“

  „Es wäre ratsam für Sie, sich in Erinnerung zu rufen, dass ich hier keine Märchenstunde abhalte und außerdem können Sie froh sein, dass unter den gegebenen Umständen ich mit Ihnen rede – “ Susanne warf eine weitere Pause ein, sie reckte das schmale Kinn vor und schloss mit unverkennbar drohendem Unterton: „Und nicht Dr. Larnowski.“

  „Jetzt habe ich aber die Schnauze voll!“ Stefan Mattis hieb mit der Hand auf den Tisch, dass die Tassen auf ihren Untertellern schepperten. „Ihr komischer Dr. Larnowski interessiert mich einen Dreck! Ich will wissen, wo...“   „Nehmen Sie sich zusammen“, zischte Susanne und ließ ihren Blick peinlich berührt durch einen nahezu leeren Speisesaal schweifen.

  An den Wänden Bilder von alten Filmstars: James Dean, Marilyn Monroe, Brigitte Bardot. Schwarzweiß gekleidete Kellner räumten Milchkännchen von Nebenplätzen, deckten woanders Salz- und Pfefferstreuer auf. Sie nahmen keine Notiz von den beiden Gäste im Eck.

  „Was ich Ihnen zu sagen habe“, erklärte Susanne und beugte sich zu Stefan herüber, „ist von äußerster Wichtigkeit. - Wissen Sie, was Dr. Larnowski glaubt?“

  „Nein“, murrte Stefan uninteressiert.

  „Er glaubt, ich würde Ihnen in diesem Moment zuraten, die Bücher an Herrn Kronberg abzutreten.“

  „Was Sie nicht sagen.“ Er streckte seine Beine aus.

  „Aber - “ fahrig wischte sich Susanne eine Strähne zurück, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte. Eine unpassende Geste zu ihrer schlichten Eleganz. „ - das ist keineswegs mein Ansinnen, ganz im Gegenteil.“ Unter dem dezenten Make-up stiegen hitzige, rote Flecken auf. „Ich möchte Sie bitten“, sagte sie, nunmehr eine Spur zu schnell, während in ihren Augen ein erwartungsvoller Schimmer aufglimmte, „mir die Bücher auszuhändigen. Ich habe gute Kontakte zur Presse und zur Polizei, darüber hinaus bin ich ebenso daran interessiert, diesen Verbrechern ihr schmutziges Handwerk zu legen wie Sie, Herr Mattis.“

  „So. Bin ich das“, gab Stefan Mattis zurück, der nach wie vor kein Wort von dem verstand, was diese honigblonde Schönheit da erzählte, nur die unselige Ahnung, dass ihre Botschaft für einen anderen „Herrn Mattis“ bestimmt war, begann sich zunehmend in ihm festzusetzen. Noch einen Augenblick schaute Susanne ihn abwartend an. „Muss ich wirklich noch deutlicher werden, damit Sie mich ernst nehmen?“, fragte sie jetzt und senkte ihre Stimme zu einem eindringlichen Flüstern: „Sie sind in Lebensgefahr, Herr Mattis. Sobald Kronberg oder Larnowski die Bücher in Händen haben, werden sie Sie umbringen!“ Stefan schluckte. Entweder war diese Frau total übergeschnappt oder ---

  „Wo ist mein Bruder?“, brachte er mühsam hervor.

  „Ihr was?“

  „Ich kenne weder diesen Kronberg noch Dr. Larnowski. Ich habe auch keinen blassen Schimmer, von was für Büchern Sie da die ganze Zeit faseln. Ich will nur eines wissen: Wo ist Dominik Mattis?“ Susannes Augen wurden riesig. „Ich... verstehe nicht...“, stammelte sie und mit der Festigkeit in ihrer Stimme war es dahin.

  „Ich auch nicht. Erst bestellt er mich in diese baufällige Kifferbude, dann hierher, aber anstatt ihn endlich anzutreffen, warten Sie hier auf mich und erzählen mir haarsträubende Geschichten von irgendwelchen Leuten, die mir angeblich nach dem Leben trachten. Ihre Kronbergs und Larnowskis sind nicht hinter mir her, sondern hinter Nick, so ist es doch richtig?“

Ja, beantwortete er sich selbst die Vermutung mit flauem Gefühl im Magen. Es gab keine andere Erklärung. Es sei denn, Susanne Novak war eine hoffnungslos Verrückte, und diesen Eindruck vermittelte sie keineswegs. „Reden Sie“, forderte er. „Was hat das alles zu bedeuten?“ Susanne Novak starrte ihn an. „Ich hatte keine Ahnung, dass er... dass Herr Mattis einen Bruder hat...“, stammelte sie. Ihre Finger tasteten nach ihrer Handtasche. Der Brillantring funkelte im Gegenlicht. „Das ist... ein... ein Missverständnis. Man sagte mir, dass Herr Mattis, ich meine, dass Herr Dominik Mattis...“

  „Wer sagte das?“

  „Das spielt jetzt keine Rolle mehr.“

  „Für mich schon.“

Die hitzigen Flecken in Susannes Gesicht hatten sich vermehrt. In ihren Augen stand Angst. „Sie... werden es nicht verstehen, aber ich könnte in große Schwierigkeiten geraten, wenn Sie... wenn...“ Sie schloss die Augen, presste die Lippen zusammen.

  „Sie meinen, wenn sich herumspricht, dass Sie die Bücher an die Presse verkaufen wollen? Das würden die Herren Kronberg und Larnowski Ihnen wohl sehr übel nehmen, nicht wahr?“

  „Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Am Besten - “ Sie klemmte ihre Tasche unter den Arm, stand auf, „ - Sie vergessen unser Gespräch ganz schnell wieder.“

  „Das dürfte mir schwer fallen. Aber meinetwegen: Wenn Sie mir nicht sagen wollen, was los ist, hör ich mich eben mal im 'Cinderella' um.“ Es war ein Schuss ins Ungewisse, der seine Wirkung nicht verfehlte. Eilig stöckelte Susanne die paar Schritte, die sie schon in Richtung Ausgangstür gelaufen war, zurück.

  „Halten Sie sich da raus!“, zischte sie.

  „Ich könnte sagen: Susanne Novak liegt überhaupt nichts daran, dass Kronberg die Bücher bekommt, ganz im Gegenteil, sie will...“

  „Sind Sie verrückt? Warum wollen Sie das tun?“

  „Ich will es ja gar nicht. Setzen Sie sich hin. - Ich will nur wissen, wo mein Bruder ist“, stellte er noch einmal klar, nachdem sie wieder Platz genommen hatte, „und Sie, meine Schöne, werden mir das jetzt verraten.“

  „Ich habe keine Ahnung, ich kenne Ihren Bruder ja nicht mal! Larry hat nur gesagt – “ Sie unterbrach sich, wischte die Strähne zurück, die sich erneut aus ihrer Frisur gelöst hatte. „Ich meine: Dr. Larnowski hat gesagt, das Dominik hierher kommen würde.“

  „Wer ist Dr. Larnowski?“ „Er leitet die Geschäfte.“

  „Was für Geschäfte? Und wer ist Kronberg?“

  „Sagen Sie bloß, Sie wissen nicht, wer Kronberg ist?“

  „Muss man den Herrn kennen?“

  „Ihr Bruder kennt ihn jedenfalls.“

  „Woher?“

  „Er arbeitet für ihn.“

  „Als Buchhändler oder was?“

  „Hören Sie, Herr – “

  „Mattis“, half er, als sie stockte, „das war schon ganz richtig so.“

  „Herr Mattis, ich kann verstehen, dass Sie – “ Wieder stockte Susanne. Ihre Augen blieben an einer Ecke des Frühstücksraums haften, wurden kreisrund und kehrten zu Mattis zurück. „Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß“, entschied Sie plötzlich sehr eilig und nestelte an ihrer Handtasche. „Aber nicht jetzt und nicht hier.“ Sie zog einen Kugelschreiber hervor. „Wie kann ich Sie erreichen? Geben Sie mir Ihre Handynummer?“

  „Nein, nicht über Handy. Ich will jetzt, sofort wissen...“

  „Jetzt geht es nicht.“ Sie kritzelte etwas auf eine Serviette. Mattis blickte durch den Saal. Was hatte sie so erschreckt? Er konnte keine Veränderung feststellen, auch niemanden, der das Lokal inzwischen neu betreten hätte. Immernoch räumten die beiden schwarzweißen Kellner uninteressiert zwischen Tischen herum, begannen allmählich, fürs Abendessen einzudecken. Nichts hatte sich verändert in den letzten Minuten. Nichts bis auf die Nervosität der Frau ihm gegenüber, die ihre Serviette jetzt verstohlen zu ihm herüberschob.

  „Kommen Sie morgen früh zu dieser Adresse“, sagte sie und steckte den Schreiber zurück. „Ab zehn Uhr bin ich da.“ Die Bernsteinaugen flogen durch den Raum, dann wieder zu Mattis. „Sie werden mir nicht folgen, wenn ich jetzt gehe.“ Es klang wie ein Befehl. „Und Sie werden niemandem von unserem Gespräch erzählen.“ Mattis hielt sie am Arm zurück, als sie aufstehen wollte. „Sagen Sie mir endlich, was hier gespielt wird: Was hat das alles zu bedeuten? Wo ist mein Bruder?“

  „Ihr Bruder ist ein Idiot, Herr Mattis“, fauchte Susanne, schüttelte seine Hand ab und lief mit lautlosen, raschen Schritten auf die gläserne Schwingtür zu, die aus dem Speisesaal herausführte. Bewegungslos klebte Stefans Blick an ihr, fast so, als wäre sie eine unwirkliche Erscheinung, die sich jeden Moment in Luft auflösen würde. Erst, als die Schwingtür hinter ihr zufiel, und einer der gelangweilten Kellner an den Tisch trat, um mit einem: „Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee?“ auf Ablehnung zu hoffen, schaute Mattis auf die Adresse, die sie auf die Serviette geschrieben hatte. In kleinen, regelmäßigen Buchstaben:

  „Alte Elbstraße 5, Gartenhaus, 3. Etage“

2

  „Sie sind also sicher, dass Sie die Frau nie zuvor gesehen haben?“, fragte Mattis. „Wie ich Ihnen bereits sagte“, erwiderte der graumelierte Portier mit festgetackertem Dienstleistungslächeln. „Die Dame kam vor etwa zwei Stunden an die Rezeption, fragte nach einem Herrn Mattis und bat mich, ihn, sobald er sich meldete, in unser Café zu bestellen.“

  „Und Nick Mattis...“

  „Ist weder in unserem Hause angestellt noch wohnt er hier. Auch das erwähnte ich bereits.“

  Nach allem, was diese Susanne erzählt hatte, kamen ihm seine Fragen nach Nick sowieso längst lächerlich vor. Verrückt, das Ganze. Was waren das nur für Typen, mit denen sich Nick da eingelassen hatte? Und was für Bücher, die sie von ihm haben wollten? Warum – verdammt nochmal – sollte jemand Interesse daran haben, seinen kleinen Bruder umzubringen?

  „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, riss ihn der Graumelierte hinterm Tresen aus seinen fruchtlosen Grübeleien.

  „Ja. Haben Sie ein Zimmer frei?“ der Mann stutzte. Offenbar war er auf so eine banale Frage nicht mehr gefasst gewesen. „Selbstverständlich.“ Er tippte auf einem Laptop. „Wie lange möchten Sie bleiben?“ Möchten ist gut, dachte Stefan und sagte: „Eine Übernachtung muss reichen.“ Er zog seine Brieftasche aus der Jacke und überprüfte seine mageren Finanzen. „Was macht das?“ Der Graumelierte tippte.

  „Mit Badewanne oder Dusche? Frühstück oder...“

  „Ein Bett für eine Nacht, sonst nichts.“ Ob sein Konto immer noch gesperrt war? Seit Monaten schröpfte Mattis schon seinen Dispo, aber gestern behielt der Automat einfach die Karte ein. Verfluchter Dreck! Das musste er auch noch unbedingt klären. Sobald er wieder in Berlin ist, wird er zu seiner Filiale gehen und mit dem Sachbearbeiter...

  „Einhundertvierzig Euro“, sagte der Graumelierte und Mattis steckte seine Brieftasche resigniert zurück. „Wenn mein Bruder noch auftauchen sollte“, sagte er stattdessen, „soll er mich sofort anrufen.“ Der Portier notierte Stefans Handynummer. „Ich werde es ausrichten. – und was ist mit Ihrem Zimmer?“

  „Vergessen Sie`s.“

  Stefan Mattis lenkte seinen Fiat Punto in Richtung Autobahn. Er würde auf einen Rastplatz fahren, beschloss er, und im Auto ein paar Stunden schlafen. Als er die nächste Raststätte anpeilte, wusste er, dass er keine Ruhe finden würde. Wie sollte er auch nach all dem verworrenen Zeug, das Susanne erzählt hatte? Er parkte zwischen zwei LKW, schaltete den Motor aus und stellte seine Lehne zurück. Wenigstens die Augen zumachen. Ein bisschen entspannen. Am besten an gar nichts denken. Spätestens morgen würde sich alles aufklären. Wenn Nick sich nicht meldete, würde ihm Susanne schließlich alles erklären. Morgen, in der Alten Elbstraße. Was immer es mit dieser verfluchten Adresse auf sich haben mochte. Er würde auch das erfahren. Mattis gähnte, massierte sich die Schläfen.

  Kronberg... Larnowski... Die Namen drehten in seinem Kopf und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Kronberg... Warum war Susanne so erstaunt gewesen, dass er mit dem Namen nichts anfangen konnte? Zwecklos, darüber nachzudenken. Die vielen Fragen in seinem Hirn wurden nur immer verworrener. Außerdem war es kalt und viel zu eng im Wagen. Zwanzig nach sechs.

  Mattis stieg aus, trabte in die anliegende Raststätte und bestellte sich ein Bier. Damit saß er dann als einziger Gast an einem klebrigen Plastiktisch und stierte abwesend aus dem Fenster. Er folgte den Scheinwerfern, die ab und zu über die abenddunkle Autobahn rauschten und versuchte sich an dem blödsinnigen Gedanken festzuhalten, nur einem geschmacklosen Scherz aufgesessen zu sein. Es machte wenig Sinn. Er zahlte sein Bier und tankte den Wagen voll. Er steuerte die nächste Ausfahrt an, kurvte unbekannte Straßen entlang, und ärgerte sich, auf der Autobahn getankt zu haben, nachdem zwei wesentlich preiswertere Tankstellen seinen Weg kreuzten. Zwei Ecken weiter ein Internetshop. Er ging hinein, checkte seine Mails. „46 neue“. Allesamt Spam. Er löschte sie, fluchte, tippte aus Langeweile ein paar Zeilen für ein längst fälliges Stundungsgesuch wegen seiner Stromschulden in die Tasten. Formulierte hin und her:

  „Sehr geehrte Damen und Herren, leider bin ich momentan in Schulden bei Ihnen...“ - In Schulden bei Ihnen; so eine saudumme Formulierung! Er löschte, begann erneut: „Ich bin...“ Nein, das geht auch nicht; keinen Satz mit „Ich“ anfangen, das macht keinen guten Eindruck. Aber macht es überhaupt einen guten Eindruck, Schulden zu haben? Dann ist auch das „Ich“ am Anfang egal. Überhaupt: „Sehr geehrte Damen und Herren – “ Was ist denn das für eine völlig veraltete Briefformel? Gab es keinen direkten Ansprechpartner? Mal googeln nach dem Stromanbieter... Es klappte nicht, statt dessen wurde er jetzt - er, Stefan Mattis! - als einziger und möglicher Gewinner eines nagelneuen Autos beglückwünscht. Er müsse nur noch auf den Link – blinkend gelb und leuchtend - drücken, und schon könne er das Schmuckstück sein Eigen nennen. Statt auf den dicken gelben Pfeil drückte Mattis auf das kleine rote Kreuz im rechten oberen Eck, aber der Rechner hakte und ließ ihn einfach nicht von der verdammten Seite runter. Er rief den Betreiber des Ladens, einen gelbgesichtigen Vollbart mit Turban heran, der kein Deutsch verstand, das Problem zwar trotzdem erkannte, aber nur bedauernd die Schultern zuckte und auf einen der Nebenplätze mit den anderen Computern wies. Stefan winkte ab. So wichtig war es ja nicht.

  Er stieg in seinen Wagen, fuhr weiter ziellos die grauen Straßen entlang, um die Zeit totzuschlagen. Er geriet in ein Industrieviertel, hohe Zäune mit viel Fabrik, passend zum Dreckswetter. Im Rückspiegel ein dunkler Citroen, der ihm schon vorhin an der Tankstelle aufgefallen war, dann in der Nähe des Internetshops, und der ihm allmählich ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend verursachte. Er setzte den Blinker, bog ab. Der Citroen fuhr weiter geradeaus. Na also. Kein Grund zur Besorgnis. Jedenfalls nicht in dieser Hinsicht.

  Er stellte den Wagen vor der nächsten Kneipe ab, die auf dem Weg lag, und trottete durch dicke, nikotistinkende Vorhänge. Prima! Hier darf man wenigstens noch rauchen.

  Die Bedienung wischte einen einsamen Tresen sauber.

  „Hi!“, sagte Stefan und zündete sich eine Zigarette an. Die Bedienung war jung, hatte schulterlange, strubbelige karottenrote Haare, trug Jeans und ein weißes T-Shirt. Eifrig hastete sie zwischen Tischen umher, sammelte Gläser ein, leerte Aschenbecher und schien Stefan überhaupt nicht wahrzunehmen. „Kann ich n Bier haben?“

  „Gleich Feierabend!“, rief sie ihm zu und spülte Gläser aus.

  „Wieso?“ Er schaute auf seine Uhr. „Es ist doch gerade erst...“

  „Montags ist früher Schluss“, unterbrach sie und klemmte sich ein paar Strubbelhaare hinter die Ohren. Sie begann Stühle auf die Tische zu stellen. „Da lohnt sich das nicht, länger aufzulassen.“

  „Kann ja alles noch kommen.“ Die Karottenrote schüttelte den Kopf, ohne in ihrer Arbeit zu unterbrechen. „Nicht montags“, beharrte sie. „Montags ist hier nie was los.“ Jetzt drehte sie sich zu ihm um. Blassblaue Augen inmitten unzähliger Sommersprossen. „Wenn du willst, kannst du die schon mal hochstellen.“ Sie meinte die Barhocker. „Die müssen auf die Theke rauf.“

  „Ist das dein Laden?“

  „Nee, ich arbeite nur zur Aushilfe hier, zwei Tage die Woche, das reicht.“

  „Ich hab auch mal in 'ner Kneipe gejobbt.“ Er hievte nacheinander die Hocker auf die Theke, unterdrückte ein Gähnen. „'n halbes Jahr.“

  „Länger nicht?“

  „Mir war's lange genug. Viel Stress und wenig Kohle.“

  „Und was machst du jetzt?“

  „Jobben. An 'ner Tankstelle in Berlin.“

  Und dann sagte sie das, was alle immer sagen, wenn der Name „Berlin“ fällt, und was Stefan noch nie verstanden hatte, der seit nahezu vierzig Jahren in dieser dreckigen, unfreundlichen, lauten, aggressiven, rücksichtslosen Metropole lebte, in der sich keiner um den anderen kümmert und in der man treten muss, um nicht getreten zu werden:

  „Cool, Berlin.“ Sie trocknete die abgespülten Gläser ab. Ihre silbernen Armreifen klapperten dabei.

  „In 'ner Stunde fängt meine Schicht an.“ Er drückte seine Zigarette aus, die langsam als graue Schlange im Aschenbecher verglimmte.

  „Das wirst du wohl nicht mehr schaffen.“ Die Karottenrote sortierte Gläser in ein Regal. „Machste gerade blau, hm?“ Sie bückte sich zum Kühlschrank, zählte Flaschen nach.

  „Wie man's nimmt. Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder, aber -“ Er schob sich den nächsten Glimmstängel zwischen die Zähne. „Das ist 'ne lange und ziemlich verrückte Geschichte.“

  „Na und?“ Sie kam wieder zum Vorschein. „Ich höre mir gerne Geschichten an. Besonders, wenn sie lang und ein bisschen verrückt sind.“

  Sie hatte Grübchen in den Wangen wenn sie lächelte, stellte Mattis fest. Und er stellte fest, dass man das Lächeln erwidern musste, auch wenn man eigentlich gar nicht dazu aufgelegt war. „Ich denke, du willst Feierabend machen?“

  „Das will ich ja auch. Zwei Ecken weiter ist das 'Törtel', die haben die ganze Nacht auf. - Wie wär`s? Ich geb' einen aus – für's Stühle hochstellen.“

3

  „Allzu gut scheinst du deinen Bruder nicht zu kennen, was?“, bemerkte die Karottenrote, nachdem Stefan alles erzählt hatte. Anja heiße sie, hatte sie gesagt und jetzt standen sie beide an der Bar und sie nahm einen Schluck von ihrem Hefeweizen. „Wenn du noch nicht mal weißt, was er so macht oder wo er wohnt...“ Sie wischte sich den Schaum von den Lippen.

  Das 'Törtel' war gut besucht. Aus einer quietschgelben Musikbox nölten alte Schlager in Zimmerlautstärke. Man unterhielt sich darüber hinweg, trank und lachte. Spiegel wie Bullaugen zierten pinkfarbene Wände. Unterbrochen von Vitrinen, in denen antiquierte Babypuppen, Schreib-, Nähmaschinen und ähnliche Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten ausgestellt waren.

  „Ich habe Nick über drei Jahre nicht gesehen“, sagte Stefan. „Seit er damals nach Hamburg gezogen ist.“ Er drückte die nächste Kippe aus. Und dann erzählte er von Nicks Anruf im Sommer letzten Jahres, als das mit Patty passiert war. „Aus dem Fenster gestürzt. Sie war sofort tot. Es war das einzige Mal, dass er sich bei mir gemeldet hatte.“ Er trank sein Weizenbier. „Vielleicht hätte ich damals schon herkommen sollen, aber er wollte das nicht. Er wollte...“ Stefan suchte nach Worten. Udo Jürgens sang: 'Ich weiß, was ich will' und Stefan wünschte, er wüsste das auch. Ein Pärchen schräg gegenüber nuckelte an giftgrünen Longdrinks. Eine eisblond Gefärbte mit Ananasfrisur kaute auf einem Plastikstrohhalm, wippte dabei mit dem Fuß im Takt. 'Ich will dich ganz und gar und immer um mich...' Irgendwo kicherte jemand. „Ich glaube“, setzte Stefan schließlich fort und stellte fest, dass seine Zunge schwer wurde, „er wollte einfach nur reden, weißt du. Und ich war anscheinend der einzige Mensch, bei dem er sich ausheulen konnte. Armes Schwein. Er war völlig fertig. Ich habe versucht, ihn zu trösten. Nur was sollst du da schon groß sagen? 'Wird schon wieder'? 'Nimm's nicht so schwer'? Oder was?“

  „Was hast du also gesagt?“

  „Das einzige, was mir unter den Umständen einfiel: Dass ich für ihn da bin, wenn er mich braucht. Und jetzt - “ Er leerte sein Glas, knallte es auf den Tisch. „gäbe ich was drum, wenn ich wüsste, wo er steckt.“

  „Schöne Scheiße“, sagte Anja und strich sich flüchtig mit den Fingern durch ihren dicken Pony. Die Armreifen klapperten. 'Ich hab noch nie im Leben Berge versetzt, ich tu es jetzt..', sang Udo Jürgens und Stefan blickte in ihr Gesicht. Sie lächelte ein bisschen. Es sah verlegen aus. Weiche Lichtreflexe auf ihren Zügen. Ein Haut wie zart besprenkeltes Porzellan, dachte er und hätte sich ohrfeigen können für sein selbstmitleidiges Gejammer. Herrgott nochmal!, hast du denn nichts Besseres zu tun, als die erste weibliche Bekanntschaft, die du seit Langen machst, mit dieser elenden Geschichte vollzulabern? Sei witzig, sei locker und nicht so eine trübe Tasse! das ist doch sonst nicht deine Art!

  Er zwang sich ein Lächeln auf und versuchte, mit einem: „Wird sich schon alles aufklären“, das Thema zu beenden, „morgen werde ich schlauer sein. Aber jetzt sollten wir wirklich über was anderes reden.“ Was sie so mache, fragte er Anja. Nicht, weil ihm nichts Besseres einfiel, sondern weil es ihn interessierte.

  Sie sagte, dass sie studiere. Deutsch und Englisch auf Lehramt. Im zweiten Semester. Und da das Bafög vorne und hinten nicht reiche, müsse sie eben in dieser blöden Kneipe jobben. Ganz schön stressig sei das alles, Job und Studium unter einen Hut zu bringen. „Keine reichen Eltern, die dich unterstützen?“, forschte er und versuchte sich endlich wieder an dem alten, kessen Mattis-Grinsen, das noch immer so gut angekommen war bei den Mädels. Nee, winkte sie ab, das sei noch mal so ein Thema für sich, und Stefan erkannte, dass sie darüber nicht reden wollte. Statt dessen lieber wieder darüber:

  „Glaubst du, diese Susanne wird eure Verabredung einhalten?“

  „Das wird sich zeigen. Auf jeden Fall werde ich sie einhalten.“

  „Was willst du bis dahin machen?“

  „Mal sehen“, feixte das Mattis-Grinsen. „Vielleicht 'ne Zahnbürste kaufen...“

  

  Neun Uhr dreißig. Hamburger Dreckwetter kroch durch rote Plastikjalousien. Kreuzhütter Weg. Ein kleines Apartment unterm Dach. Anjas Zuhause, keine fünf Minuten vom „Törtel“ entfernt. Sie hatte ihm das Sofa im Wohnzimmer zurechtgemacht, aber Stefan hatte kaum ein Auge zugetan. Vorsichtig tappte er ins Bad. Das Gesicht, das ihn an diesem Morgen im im Badezimmerspiegel anblickte, war unrasiert und blass, die braunen Augen stumpf und übernächtigt. Mit diesem Aussehen kannst du heute keinen Blumentopf gewinnen, sagte er sich, pellte die Zahnbürste aus dem Zellophan, die Anja ihm aufs Waschbecken gelegt hatte und putzte endlich den schlechten Geschmack vom Vortag weg, bevor er unter die Dusche stieg. Er würde sie nicht wecken, beschloss er, auch wenn Anja ihn darum gebeten hatte. Egal. Später würde er sie anrufen und zum Italiener auf 'ne Pizza einladen. Das konnte er sich gerade noch leisten. Und dann würde er ihr erzählen, was er von Susanne erfahren hätte. Wenn sie überhaupt kommen würde. Irgendwie glaubte er nicht mehr daran.

  Der Morgen wurde zusehends trüber, je weiter sich sein alter Fiat durch den zähflüssigen Verkehr quälte.

  Anja... Ein Lächeln huschte über sein unrasiertes Gesicht, während er sie in Gedanken vor sich sah: die neugierigen, blassblauen Augen mit dem hellbraunen Wimpernkranz, die Grübchen in ihrem Sommersprossengesicht, wenn sie lächelte und wie sie dabei immer ein wenig den Kopf schief hielt... zauberhaft! Wenn er sich vorstellte, dass sie jetzt noch süß und selig in ihren Kissen lag...

  'Ich will dich ganz und gar und immer um mich..'

  Hart trat er das Bremspedal durch und mit quietschenden Riefen kam der Fiat zum Stehen. Um ein Haar wäre er in den Wagen gedonnert, der vor ihm an der roten Ampel stand. Reiß dich zusammen, alter Junge!, ermahnte er sich. Es gibt jetzt Wichtigeres als dieses Mädchen! Er versuchte, an seinen Bruder zu denken und an Susanne. Aber es gelang ihm nur kurze Zeit, bevor es wieder Anja war, die sich in dieses Bild hineinstahl. Das süße Lächeln... ach!, und ihre wunderschönen dicken roten Haare, die sich bis auf ihre Schultern kringelten...

  Stefan Mattis riss sich in die Gegenwart zurück. Er blies durch beide Backen, wartete, dass das Ampellicht umsprang. Bei Gelb fuhr er los. Leiser Nieselregen flog gegen die Windschutzscheibe und er überlegte, ob er die Scheibenwischer einschalten sollte oder besser nicht, weil die Sicht sonst noch schmieriger würde, als sie ohnehin schon war. Links kam jetzt der Marktplatz in Sicht und die alten, verwahrlosten Häuserfassaden rings herum. Alte Elbstraße. Es war zehn Uhr vier.

  Stefan Mattis eilte durch das graffitibeschmierte Vorderhaus, er lief über den Hof ins Gartenhaus, stieg abgetretene Stufen bis in den dritten Stock hoch. Die Tür, die gestern noch angelehnt war, stand heute sperrangelweit offen. Mattis trat ein.

  „Susanne? Sind Sie da?“ Er schaute in jedes Zimmer.

  Im letzten fand er den Toten.

4

  „Woher kannten Sie den Mann?“, fragte Kommissar Körner und spazierte ein paar sinnlose Schritte über die knarrenden Dielen. Erschöpft wischte sich Mattis über die Stirn. „Ich kannte ihn überhaupt nicht. Das habe ich Ihnen jetzt schon mindestens dreimal gesagt.“ Der Kommissar blieb vor ihm stehen, die Hände auf den Rücken gelegt, und machte: „Hm.“ Es klang unzufrieden. „Und einen Schuss haben Sie auch nicht gehört?“

  „Nein, wie sollte ich denn! Als ich ihn fand, war er doch längst tot.“

  „Hm“, machte der Kommissar wieder. „Sie haben uns also sofort, nachdem Sie die Leiche fanden, über Ihr Mobiltelefon alarmiert, sagen Sie?“

  „Ja“, gab Stefan gereizt zurück. Der Kommissar trat noch näher zu ihm heran, senkte argwöhnisch seine dicken schwarzen Augenbrauen. „Darf ich mal sehen?“

  „Bitte sehr.“ Er gab ihm das Handy. Es war noch ein altes Gerät, mit abgegriffenen, teils verblassten Ziffern, nichts Digitales mit all diesem neuen Schnickschnack wie Internetzugang, Videofunktion oder ähnliches. Mehr als SMS schicken oder telefonieren konnte man damit nicht. Stefan Mattis schnaufte tief Luft aus und versuchte sich zu beruhigen. Was nicht einfach war angesichts der Umstände. Er hockte auf dem Boden, zwischen Flur und Zimmer, in einer möbellosen Wohnung. Genau wie gestern, als er hier auf seinen Bruder gewartet hatte. Vielleicht wäre es besser gewesen, einfach abzuhauen, ohne die Polizei zu informieren. Aber dafür war es nun zu spät.

  Überall Leute, die durch die Räume trampelten, Fotos schossen; Spuren sicherten, Fingerabdrücke und weiß der Teufel was noch alles. Verkrümmt in einer schmierigen Blutlache, von frischen Kreidestrichen gerahmt, lag der Tote. Junger Mann in Kapuzenshirt und Jeans.

  Wenn man einen Toten sieht, weiß man das sofort, dachte Stefan und erinnerte sich an seine alten Zeiten als Krankenpfleger. Komisch, dass man das dann immer nochmal ärztlich bestätigt haben muss. Dabei ist es so offensichtlich: Das Leben ist weg, der Körper nur noch leere Hülle, in der die Eingeweide sich gegenseitig fressen und zersetzen. Und kein leitender Geist, der dagegen Einhalt gebieten kann. Hilflose Hülle, starr und wehrlos mit weiten, glotzenden Augen, die nichts mehr sehen. So wie der Tote im Kapuzenshirt nebenan, der leer und stumpf gegen die nikotinverdreckte Zimmerdecke geglotzt hatte, als Stefan ihn fand. Der ganze Körper verkrampft, und reglos in seinem Blut.

  Gott sei Dank, nicht Nick! Das war sein erster Gedanke gewesen, bevor er die Polizei rief. Und dann kamen sie.

  Erschossen, hatte der Polizeiarzt festgestellt nach ein paar geübten Handgriffen in diesem Gestank aus nassem,alten Rost, der sich stetig ausbreitete. Es war widerlich. Genau wie die Routine der Beamten, die Stefan ankotzte. Vor allem aber kotzten ihn die Fragen an, die ihm immer und immer wieder von diesem brauenbuschigen Kommissar Körner und dem anderen Polizisten gestellt wurden. Kommissar Körner war ein guter Mittfünfziger, klein, untersetzt, mit spärlichem Haarkranz auf rotleuchtendem Schädel, typischem Fernsehermittler-Regenmantel und einem schwammigen, so müden und gelangweilten Gesichtsausdruck, als würde er jeden Tag Tote in Wohnungen finden. Aber vielleicht tat er das ja auch. Inspektor Schwartz war der größere und etwas wortkargere der beiden, der, in grauem Flanell unter offenstehendem Trenchcoat, teils ratlos, teils gelangweilt in den drei Zimmern umherspazierte, in alle möglichen Ecken hineinsah, und anscheinend gar nicht recht wusste, was er dort zu finden hoffte.

  „Kann ich jetzt endlich gehen?“, fragte Mattis. „Ich habe nämlich noch 'ne Verabredung, wenn's recht ist.“

  „Tut uns leid, aber wir sind noch nicht ganz fertig, Herr...?“

  „Mattis. Wir wär's, wenn Sie mir wenigstens mein Handy zurückgehen würden?“ Er suchte in seinen Jackentaschen nach Zigaretten und fluchte, als er feststellte, dass er sie im Auto vergessen hatte. „Alles zu seiner Zeit“, sagte der Kommissar. „Wir werden das überprüfen.“

  „Was wollen Sie überprüfen?“ Körner winkte Inspektor Schwarz heran, der das Mobiltelefon in seinen Mantel steckte. „Hey, was soll das?“, protestierte Stefan. „Herr Mattis“, hob Körner in betont sachlichem Tonfall an, „Sie behaupten, dass Sie den Toten nicht gekannt haben, behaupten gleichzeitig, hier, in diesen Räumen eine Verabredung mit einer Frau gehabt zu haben, die Sie ebenfalls nicht kennen wollen. - Ein nettes, kleines Blind-Date also?“ Stefan presste seine Fingerkuppen gegen seine Schläfen. Sein Kopf tat weh. Verdammtes Hefeweizen. „Ich weiß, dass sie Susanne heißt, das ist alles.“

  „Wer heißt Susanne?“

  „Die Frau, mit der ich verabredet war. Susanne... irgendwas... Ich hab den Nachnamen vergessen. Sie wollte mir alles erklären.“

  „Was wollte sie Ihnen erklären?“, fragte Inspektor Schwartz und schob sich neben den brauenbuschigen Körner.

  „Was mit meinem Bruder los ist. Der ist da... in so 'ne Sache reingeschlittert. 'ne unangenehme Geschichte. Ich bin seit gestern auf der Suche nach ihm, verstehen Sie?“

  „Nein“, kam es kalt vom Kommissar. „Das verstehen wir nicht.“ Inspektor Schwartz flüsterte seinem Kollegen etwas zu.

  „Ist das sicher?“, gab der betroffen zurück, „mit dem haben wir doch gestern erst telefoniert!“ Schwartz zuckte die Achseln.

  „Der Hausmeister hat ihn jedenfalls erkannt.“ Körner senkte die buschigen Brauen: „Herr Mattis, was den Toten betrifft: könnte es sein, dass er Oliver Seifert heißt?“ Die Frage kam hart wie ein Peitschenknall.

  „Woher soll ich das wissen?“, schnaubte Mattis zornig. „Ich kenne diesen Typen nicht, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen! Ich war mit Susanne verabredet, darum kam ich her! Ich bin hier rauf und – “ Mattis verstummte. Angewidert wandte er den Kopf ab, als ein Zinksarg an ihm vorbei getragen wurde.

  „So so“, sagte Körner. „Sie waren also mit Seifert und dieser ominösen Susanne verabredet?“

  „Mit Susanne, nicht mit Seifert.“

  „Für wieviel Uhr“, fragte der Inspektor, „war Ihr Treffen denn ausgemacht, Herr Mattis?“ Jetzt fragten sie abwechselnd.

  „Zehn. Aber ich habe mir gleich gedacht, dass sie nicht kommen würde.“

  „Tatsächlich? Und trotzdem sind Sie hier?“

  „Na und? Ich habe ja immerhin gehofft, dass sie sich an die Verabredung hält.“

  „Aber geglaubt haben Sie's nicht?“ Mattis antwortete nicht, er schaute zu Boden. Fragte sich, wie man hier wohl halbwegs brauchbare Spuren finden wollte bei all den durcheinander wuselnden Leuten, auch wenn die Hälfte davon bereits wieder abgeschwirrt war. Aber eben noch, als der Tote da lag...

  „Vielleicht war sie aber sogar da, Ihre Susanne.“ Das war jetzt wieder Körner. „Vielleicht war sie sogar diejenige, die Seifert erschossen hat. Halten Sie das für möglich?“ Es klang ironisch. Das musste es auch, denn der Kommissar konnte darauf unmöglich von ihm eine stichhaltige Antwort erwartet haben. Darum gab Stefan auch keine, sondern wiederholte statt dessen zum -zigsten Mal: „Ich kam hier rauf und fand den Toten. Das ist alles.“ Er schüttelte den Kopf, grinste bitter in sich hinein. „Das kann ja wohl alles nicht wahr sein! Nick braucht meine Hilfe und ich...“

  „Wer ist Nick?“, fuhr Schwartz dazwischen.

  „Mein Bruder. Dominik Mattis. Er ist vermutlich in Lebensgefahr.“

  „Dominik Mattis?“, wiederholte Kommissar Körner und klang auf einmal höchst erstaunt. Er wechselte einen Blick mit dem Inspektor. „Der ist Ihr Bruder?“

  „Ja, wieso? Kennen Sie den etwa auch?“ Statt einer Antwort fragte Körner seinen Kollegen: „War das nicht der Name, den Seifert kürzlich erwähnt hatte?“ Inspektor Schwartz nickte dem Kommissar ein düsteres Hab-ich's-doch-gleich-geahnt-Nicken zu, das von diesem sofort erwidert wurde. Dann bauten sich beide wie Betonpfeiler vor Stefan auf und Körner sprach die formelhaften Worte eines jeden zweit- bis drittklassigen Fernsehkrimis: „Herr Mattis, Sie sind vorläufig festgenommen wegen dringenden Mordverdachtes zum Nachteil von Oliver Seifert.“

  „Wir müssen Sie bitten“, ergänzte der Inspektor diese Formel zur Perfektion, „uns zu begleiten.“

  Entgeistert starrte Mattis von einem zum anderen. War das ein Traum? Könnte ihn mal bitte schön jemand kneifen, damit er endlich aus diesem abstrusen Hirngespinst aufwachte? Es kniff in niemand und das Brummen in seinem Schädel war noch immer erschreckend real. Es war nur stärker geworden in den letzten Minuten, pulste hart und rhythmisch durch seine Gehirnwindungen und wurde stetig schneller.

  „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich diesen Seifert...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende. Der Blick in die Mienen der beiden Polizisten machte nur zu deutlich, dass es ihnen ernst war. Bitterernst. Mattis sprang von seinem Platz auf. „Ich Idiot rufe die Polizei und werde dann selber verhaftet?“ Er lachte auf. Es war ein verzweifeltes, wahnwitziges Auflachen. „Wo ist das Motiv? Wo ist die Waffe? Bitte sehr, kommen Sie her, durchsuchen Sie mich! Wollen Sie das nicht wenigstens tun, bevor Sie mir einen Mord anhängen?“ Und wo hatte er noch mal gelesen, dass man an den Händen eines Täters Schmauchspuren feststellen konnte, musste das nicht erst einmal untersucht werden, bevor man ihm einen Mord unterstellte, oder interessierte das wirklich niemanden? Die Waffe werde er höchstwahrscheinlich vernichtet haben, erklärte der Kommissar trocken. Zusammen mit den Handschuhen, Wegen der Schmauchspuren, ergänzte Inspektor Schwartz.

  „Vielleicht habe ich alles in die Elbe geschmissen.“

  

  „Ja, vielleicht.“ Ohne jeden Ausdruck und ohne etwas zu sagen blickten die beiden Betonpfeiler Stefan Mattis an, so wie zwei Zoobesucher einen wildgewordenen Affen. Dieser Part kam Stefan zu: Er lachte verbissen, schüttelte den Kopf, machte kehrt, schlug sich vor die Stirn, rief schließlich: „Und weshalb bin ich, wenn ich der Täter bin, so dämlich, hier auf Sie zu warten? Warum bin ich nicht sofort abgehauen; können Sie mir das mal erklären?!“

  Die Antwort war ein weiterer Fernsehkrimisatz, und er kam von Körner: „Darüber werden wir uns noch ausführlich auf dem Präsidium unterhalten.“

  Spätestens an dieser Stelle hätte jetzt irgendeine knackige, markige Spannungsmusik einsetzen müssen. Pause, Werbung, man holt das nächste Bier aus dem Kühlschrank, füllt Chips und Erdnüsse nach und wartet auf die Fortsetzung.

  Aber das hier war kein Film. Und es war auch kein Traum. Oder vielleicht doch..? Noch immer hatte ihn niemand wachgekniffen.

  „Jetzt hören Sie doch mal: Ich war mit Susanne verabredet, sie wollte mir...“

  „Ihre Susanne, von der Sie da ständig reden, lassen wir mal getrost außer acht“, unterbrach Körner. „Kommen wir lieber auf Oliver Seifert zu sprechen. Und davon, dass er schon seit geraumer Zeit eine große Gefahr für Ihren Bruder bedeutete, und somit natürlich auch für Sie.“

  „Was??“

  „Die Personen aus dem Umfeld Seiferts sind uns schon lange recht gut bekannt“; fügte Schwartz hinzu. „Schließlich war es Seifert selbst, der sich an uns wandte, um seine Komplizen hochgehen zu lassen.“

  „Ich verstehe keine Wort.“ „Seifert hatte sich mit uns in Verbindung gesetzt, um uns angeblich höchst brisantes Material zukommen zu lassen.“

  „Die Bücher!“, entfuhr es Mattis, und Kommissar Körner quittierte diese unüberlegte Bemerkung mit einem weisen Grinsen. „Ganz genau. Welcher Art diese Bücher sind, bzw., was für Informationen sie beinhalteten, wollte er uns nicht verraten. Er erwähnte lediglich, dass sie einer einschlägig bekannten... nun, sagen wir Kiezgröße, endgültig das Genick brechen würden. Wir waren durchaus interessiert daran, mit Seifert in Kontakt zu bleiben und er versprach uns, sich bald wieder zu melden. Lange Zeit hörten wir nichts mehr von ihm. Anscheinend hatte er es inzwischen vorgezogen, diese Bücher zu Geld zu machen und meistbietend zu verkaufen. Sie, Herr Mattis, hatten den Auftrag, sie zu beschaffen, nur der Preis war Ihnen zu hoch. Sie lockten Seifert unter dem Vorwand einzuwilligen, hierher und haben ihn...“

  „Machen Sie sich doch nicht lächerlich!“

  „Sie wussten, dass der Verdacht, Seifert getötet zu haben, über kurz oder lang unweigerlich auf Sie gefallen wäre, und um diesen Verdacht von vornherein von sich abzuwenden, waren Sie auch derjenige, der uns alarmiert hat.“ Fassungslos wartete Mattis auf eine Erklärung, die nicht kam, eher er ausrief: „Glauben Sie allen Ernstes, ich hätte ein Motiv?“

  „Natürlich. Schließlich wollten Sie Ihren Bruder schützen.“

  „Oder wollen Sie uns ernsthaft weismachen“, fügte Inspektor Schwartz auf Stefans verdutzten Gesichtsausdruck hinzu, „Sie wüssten nicht, dass Dominik Mattis bereits seit Jahren Mitglied in einer hochkarätigen Verbrecherorganisation ist?“

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[Ende der Textprobe aus 'Lupara Bianca', Thriller, insgesamt 380 Seiten]





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