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Krimiraten Ludwig
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Südstern



  Die Fliege ist dick und fett und schimmert grün und lila, wenn sie sich auf den Apfel setzt. Aber das tut sie jetzt nicht, schwirrt statt dessen mit ihrem lilagrünen Körper nervtötend zwischen Frank und mir und dem Fernseher herum.
  „Den Film kenne ich“, sage ich gelangweilt, als er zu Bruce Willis rüberschaltet. „Das ist 'The Sixth Sense'. Der Typ da ist Psychiater oder so was, denkt, dass er lebt, aber in Wirklichkeit ist er längst tot und weiß es nur noch nicht. Das kommt erst am Schluss raus.“
  „Na super..!“, murrt Frank und zappt in ein anderes Programm.
  „Ich dachte, das weißt du. Ich wollte dir die Spannung nicht verderben. Aber..“ Ich rücke noch ein bisschen näher zu ihm heran, streiche mit den Fingern über seinen haarigen Oberschenkel unter dem Bademantel und säusele: „Müssen wir denn jetzt unbedingt fernsehen?“ Statt einer Antwort wischt er brüsk meine Hand weg, erwischt dabei auch fast die Fliege, die vor uns herumsurrt. Dann zappt er ins nächste Programm.
  „Was ist das jetzt für'n Mist?“
  „Siehst du doch“, gebe ich ernüchtert zurück, streife meinen Rock glatt und rückte wieder zur Seite. „Irgend so'ne dämliche Sitcom. - Jetzt mach halt aus, Frank.“ Er denkt nicht dran. „Oder schalte wenigstens in den WDR, da läuft ein alter Schimanski.“ Brummend schaltet er zum 'Tatort': Götz George prügelt sich mit einem Verdächtigen, Kollege Thanner zerrt beide auseinander, ein resolutes: „Mensch, Horst!“ Schimi flucht. Und Frank neben mir auch:
  „So'n Schwachsinn.“
  „Na meinetwegen, dann such halt was anderes.“ Er schaltet um. Ich seufze.
  Es ist Sommer. Abends gegen halb acht. Schwüle Hitze klebt in der Luft. Duschen gehen wäre schön jetzt. Duschen zusammen mit Frank, der mich schon den zweiten Tag seine miesepetrige Laune spüren lässt. Statt sich zu freuen, dass alles gut ausgegangen ist nach diesem blöden Streit neulich. Aber nein! Er hockt lieber schlecht gelaunt vorm Flimmerkasten und kippt ein Dosenbier nach dem anderen. Doch andererseits: Was hatte ich schon groß erwartet? Konnte ich nicht froh sein, dass er mich überhaupt noch in die Wohnung lässt nach der Sache mit Oliver? Ich kneife die Lippen zusammen, schaute von Franks abwesendem Fernsehblick in die Obstschale. Der Apfel hat schon eine matschige Stelle. Die Fliege surrt. Staubkrümel tanzen vor vergilbten Stores.
  Oliver – verdammt! Hätte ich mich nur nicht darauf eingelassen!
  „Mistvieh!“, schimpft Frank und schlägt genervt nach der Fliege. Meine Gedanken schweifen zurück zu jenem verhängnisvollen Abend. Die Party bei Heide...
  
  In munterer Runde beging man ihren Dreißigsten. Nächstes Jahr bin ich selber dran mit dieser magischen Zahl, machte ich mir klar und versuchte mich mit Prosecco in die richtige Feierlaune zu bringen. Denn Frank, der so fest versprochen hatte, mitzukommen, war kurzfristig zu einem Einsatz abberufen worden. Erster Mai: Randale in Friedrichshain. Ich erinnere mich, wie wütend ich war, obwohl er ja selber gar nichts dafür konnte. Als Polizist muss er ständig auf solche Einsätze gefasst sein. Und nach den anderthalb Jahren, die wir inzwischen zusammen waren, sollte eigentlich auch ich das langsam mal begriffen haben. Aber ich war dumm und ungerecht, machte ihm Vorwürfe, statt Verständnis zu zeigen, und als er wortlos die Wohnung verließ, reagierte ich beleidigt.
  O, wie ich es hasse, wenn er auf stur schaltet und mich dann wie Luft behandelt! Doch was gab es schon groß, das er meinem kindischen Gebaren hätte entgegenbringen sollen? Sollte er seinen Job riskieren, nur weil ich meinen Kopf durchsetzen wollte? So ging er also zu seinem Dienst. Und ich kam nicht mal eine Sekunde lang auf den Gedanken, mir auch nur einen Hauch von Sorgen um meinen Verlobten zu machen, dem ja in seinen Beruf auch durchaus mal etwas zustoßen konnte! Beleidigt wie ein kleines Kind zog ich alleine los auf Heides Fete. Und da war dann dieser hochgewachsene Oliver, der ständig um mich herum scharwenzelte und immer wieder nachschenkte. Und das brodelnde: 'Na warte, dir werd' ich's zeigen!', das sich mit dem Kribbeln des Proseccos in meinem Magen vermischte.
  Wir lachten, wir tanzten, lagen uns beschwipst in den Armen – und später schließlich bei ihm zu Hause im Bett. Aus einem anfänglichen harmlosen Flirt bei Heide wurde eine Nacht ungezügelter Leidenschaft, für die ich mich bereits am nächsten Morgen in Grund und Boden schämte. Wie konnte mir so etwas nur passieren?! Ich verstand mich selber nicht mehr. Ich liebte Frank, wir wollten heiraten, und eine gemeinsame Wohnung hatten wir auch schon in Aussicht! Nie, schwor ich mir in meinem alkoholschweren Kopf und nahm den Bus nach Hause, niemals darf Frank etwas davon erfahren!
  Als der ihn mir wenig später auf einer Gartenparty als seinen 'alten Schulfreund' vorstellte, wurde ich feuerrot vor Scham. Oliver grinste nur, und nach ein paar vielsagenden Andeutungen zu vorgerückter Stunde kam die Wahrheit ans Licht.

  Nun sitze ich neben Frank auf dem Sofa und wir schweigen uns an und die Fliege zieht surrend ihre Runden. Er ist nicht rasiert, die fusseligen Haare ungekämmt. Stupide starrt er auf den Bildschirm und schüttelt abermals meine Hand ab, als ich sie auf seine Schulter lege. Ich ziehe die Hand zurück, balle sie zur Faust und presse sie vor meine zitternden Lippen. Hinter meinen Augen schmerzt die Reue.
  Oliver! Verdammt! Könnte ich doch nur die Zeit zurückdrehen!

  Früher als geplant hatten wir die Gartenparty verlassen. Franks Gesicht bleich, das Lenkrad verkrampft in den Händen. Er sagte kein Wort und auch ich verlor keine Silbe, saß nur steif und beschämt neben ihm und kämpfte mit denTränen.
  O Frank, ich liebe dich so sehr!
  Vor meinem Wohnhaus stoppte er den Wagen, sah mich fest und gleichzeitig mit so erschütterter Miene an, dass mir das Herz zerbrach.
  „Ist das wahr, Vera?“, fragte er dann. Es war das erste, was er seit unserer Abfahrt sagte. Ich schluckte die Tränen herunter, versuchte zu sprechen:
  „Frank, ich – “ Ich schaute zu Boden, schaffte es nicht, seinem flehenden Blick standzuhalten.
  „Ja oder nein?“
  „Lass uns oben reden, komm.“
  „Danke. Die Antwort reicht mir“, erwiderte er da dumpf, wandte sein Gesicht ab und starrte blicklos gegen die Windschutzscheibe.

  Genau so blicklos wie er jetzt in den Fernseher starrt.

  An jenem Abend war er nicht mehr mit hochgekommen, fuhr statt dessen zu sich nach Hause, und ich heulte mir in meiner kleinen Schöneberger Wohnung die halbe Nacht lang die Augen aus. Ich versuchte einen Brief an ihn zu schreiben, wie leid es mir tue und wie sehr ich ihn liebe – um das Geschreibsel dann doch letztlich immer wieder zu zerknüllen und von vorne anzufangen, weil ich einfach nicht die richtigen Worte fand. Der Küchentisch war bald voll von meinen armseligen Schreibversuchen, ich hatte nicht mal die Kraft, die ganzen Papierknäuel in den Müll zu werfen. Am folgenden Morgen rief ich im Büro an und meldete mich krank. Dann setzte ich mich ans Steuer meines alten Fiat und fuhr los, völlig übermüdet und verheult und mit nur einem Gedanken in meinem lädierten Hirn:
  Ich muss zu Frank, muss mit ihm reden!
  Und ich hoffte, dass er mir verzeihen würde.
  Er muss – das Steuer umklammert, trat ich ins Gaspedal, nickte mir stur zu – er muss mir einfach verzeihen!
  Mit vollen Touren jagte ich den Wagen über die Autobahn. O Frank, Frank, es tut mir alles so leid! Ich heulte Rotz und Wasser, achtete nicht mehr auf den Verkehr – und irgendwie geschah es dann: Ich sah die Scheinwerfer auf mich zurasen, hörte Bremsen kreischen, dann einen lauten Knall
  --- und es wurde Nacht um mich.
  Erst im Krankenhaus kam ich wieder zu mir. Alles war hell und roch antiseptisch, Stimmen murmelten neben mir. Mühsam öffnete ich die Augen. Ich sah, dass ich an einen Tropf angeschlossen war. Durchsichtige Flüssigkeit sickerte aus einem dünnen Schlauch in meinen linken Handrücken. Ich drehte den Kopf zur Seite. Tatsächlich, da war Frank. Er redete mit zwei besorgt dreinblickenden Männern in weißen Kitteln. Sie erklärten ihm etwas, sprachen von „heikler Operation“ und dass man noch nichts genaues sagen könne. Geduld müsse er haben. Sie dachten, ich schliefe noch. Ich wollte mich bemerkbar machen, aber meine Glieder waren bleischwer.
  Geduld, dachte ich bei mir, Geduld soll er also haben? Wie ernst stand es denn um mich? Egal, Frank war da, war hier im Krankenhaus, hatte mich besucht, war besorgt, wie es mir geht. Das allein zählte für mich in diesem Augenblick und ließ mich selig wieder einschlafen. Es war das einzige Mal, dass Frank in die Klinik kam.
  Bald ging es mir wieder besser, aber er besuchte mich nicht. Und als ich die Klinik endlich verlassen konnte, war ich allein. Konnte ich es ihm verdenken? Unfall hin oder her; ich hatte mit seinem Schulfreund geschlafen. So was verletzt und sitzt tief. Da holt man, auch wenn man von den Ärzten die gute Nachricht über die Genesung längst erfahren hat, die Freundin nicht zwingend glücksstrahlend aus dem Hospital ab. Verständlich. Oder nicht?
  Es tat weh. Ich liebte Frank und ich musste jetzt endlich mit ihm reden. Ich ging zu ihm nach Hause. Aber ich wagte es nicht, zu läuten. Zu groß war meine Angst, er könne mir die Tür vor der Nase zuknallen.
  Um meine Gedanken zu ordnen, spazierte ich durch den nahe gelegenen Park, da traf ich ihn plötzlich. Mit steinerner Miene kam er den Weg entlang, träge wie ein Schlafwandler, die Hände auf dem Rücken. Mein Herz tat zum Zerspringen weh. Keine Sekunde dachte ich mehr nach, eilte sofort zu ihm hin.
  „Frank!“ Er blieb stehen, aber wich meinem Blick aus und senkte ihn lange zu Boden, fast so, als überlegte er, was er jetzt sagen solle. Gegenüber blühte ein Kirschbaum zwischen duftenden Linden und einem schmalen Birkenbäumchen. Ein Vogel piepste. Als Frank endlich den Kopf hob und mich ansah, erschrak ich. Seine Augen waren so seltsam stumpf und leer, dass es fast schien, sie blickten durch mich hindurch. Doch dann erkannte ich die tiefe Traurigkeit darin, und ließ ihm keine Gelegenheit mehr, als erster das Wort zu ergreifen. Ich begann zu erklären, begann klarzustellen – das, was es klarzustellen gab: dass ich betrunken war, wütend, weil er zum Einsatz musste, dass ich dumm war und dass es mir leid tat, so unendlich leid. Ich redete wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. Dass wir längst auf dem Rückweg waren, bemerkte ich erst, als wir an seinem Wohnhaus angelangt waren und er nach seinen Schlüsseln kramte. Da nahm ich dann meinen ganzen Mut zusammen und stellte sie, die Frage aller Fragen:
  „Darf ich mit hochkommen?“ Frank antwortete nicht, aber er ließ mich seufzend mit rein und das war mir Antwort genug. Nachts im Bett kuschelte ich mich ganz dicht an ihn, selig, dass – bei aller verständlichen Wut und Verletztheit – dennoch ein eingerahmtes Foto von uns beiden auf seinem Nachttisch stand. Mein Lieblingsbild. Letztes Jahr, Paris. Urlaub, Sonne, wir beide lachend am Fuß des Eifelturms.
  „Lass mir Zeit“, hörte ich ihn am nächsten Morgen vom Flur her sagen. „Das ist einfach alles noch zu frisch!“
  Natürlich, das verstand ich ja. Noch vor dem Frühstück machte ich mich davon. Hunger hatte ich sowieso keinen. Aber nach Hause mochte ich auch nicht gehen, und so lief ich ziellos durch die Straßen, bis ich gegen Nachmittag wieder im Park angelangt war. Instinktiv hatte es mich hierher gezogen und instinktiv wusste ich, dass ich ihn hier wieder finden würde. So war es auch: Mit gesenktem Kopf spazierte Frank die Wege entlang, verharrte zwischen Kirschbaum und Birke, wartete lange, spazierte weiter. Diesmal sprach ich ihn nicht an. Aber schließlich folgte ich ihm doch.
  „Junger Mann, ich muss sie warnen, Sie werden bereits seit geraumer Zeit observiert!“, pirschte ich mich vor seiner Haustür an ihn heran und hielt ihm mit beiden Händen die Augen zu, bevor ich sie kichernd runter ließ. „Aber keine Sorge, es bin nur ich!“ Ein Kuss auf seine unrasierte Backe. Nach amüsanten Spielchen war Frank noch immer nicht zumute, erkannte ich an seinem genervten Blick, trotzdem ließ er mich wortlos wieder mit ins Haus.

  Und nach diversen weiteren erfolglosen Versuchen, ihn wenigstens ein bisschen aufzumuntern, sitzen wir beide nun also schon seit Stunden nebeneinander auf dem Sofa wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Dabei gäbe es doch so viel!
  Die Fliege surrt, der Fernseher läuft, er starrt hinein.
  „Lass uns reden“, sage ich endlich. Er kippt die nächste Bierdose. Es ist die dritte an diesem Abend. Aber neben der Couch versammeln sich noch die anderen Dosen von gestern, als wir den Abend genau so verbrachten wie heute. „Frank, hör doch, ich verstehe ja, dass du sauer bist und dass du noch Zeit brauchst. Aber so wie jetzt kann es auch nicht weitergehen.“
  „Scheiß Fernsehprogramm!“
  Scheiß Fernsehprogramm? Ich will mit ihm reden und er sagt nur: 'Scheiß Fernsehprogramm'?!
  „Dann mach halt endlich den Kasten aus!“, platze ich heraus, als es mir zu bunt wird. Ich will ihm die Fernbedienung wegnehmen, er zieht die Hand weg, brüllt: „Verschwinde endlich, verdammt nochmal!“, so heftig, dass ich erschrocken zusammenzucke. Fassungslos starre ich ihn an. Nie zuvor hat er so etwas zu mir gesagt. Die Fliege surrt.
  „Ist das dein Ernst?“ meine Stimme ist ganz schrill vor Aufregung. „Ich soll gehen?“
  Frank antwortet nicht. Er sitzt da, das Gesicht schmerzverzerrt, so als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Und dann passiert es auch: „Fuck!“, schluchzt er, schlägt sich die Hände vors Gesicht und sackt laut weinend in sich zusammen. Das Telefon im Flur läutet. Er hört oder beachtet es nicht. Ich stehe auf und verlasse die Wohnung.
  Auch ich weine jetzt. Aber was zunächst noch Schmerz und Reue sind, wandelt sich zusehends in Wut um. Kreuzberger Straßen mit Kopfsteinpflaster und Laternen. Dazu violetter Himmel, und drückende Schwüle, wie kurz vorm Gewitter. Ich habe einen Fehler gemacht, ja. Warme Föhnluft mischt sich mit kühler, spielt mit meinem langen Chiffonrock. Vielleicht sogar einen unverzeihlichen Fehler. Und trotzdem: – 'Südstern Pub' blinkt es durchs Abendviolett, ich überquere die Straße – habe ich so ein Verhalten wirklich verdient? Was kann ich denn mehr tun als mich entschuldigen? Da lässt er mich in die Wohnung wie einen bettelnden Hund und behandelt mich wie Luft, um mich einen Tag später wieder rauszuschmeißen?
  Ich betrete das Gartenlokal, setze mich zornig an einen Tisch. Wenn es anfängt zu regnen, kann ich ja immer noch rein gehen. Betrinken werde ich mich, nehme ich mir vor und spähe nach einem Kellner, obwohl ich eigentlich gar keine Lust auf Alkohol habe. Seit Tagen schon habe ich weder Hunger noch Durst. Alles wegen Frank! Da ist der Kellner. Mit gefülltem Tablett bahnt er sich seinen Weg aus dem Gasthaus und durch die Tischreihen. Ich winke ihn heran, und er nickt mit einem:
  „Komme sofort!“ in meine Richtung. Dann verteilt er Biere unter einer Gästeschar weiter hinten, die sich, wie die übrigen Leute hier von der gewitterdrohenden Luft nicht abschrecken lassen. Der Laden ist gut besucht. Ich habe den letzten freien Tisch erwischt, sitze allein für vier Personen, den Zaun im Rücken. Der Kellner rennt wieder rein ins Lokal. Minuten vergehen. Er kommt wieder raus, bedient woanders, ich winke ihm zu, er nickt:
  „Ja, gleich!“, räumt Gläser ab, schwirrt wieder ab ins Lokal. Ich höre es lachen. Es lacht und plaudert überall, aber das Lachen, das ich eben höre, kommt von meinem Tisch, an dem ein junger Mann Platz genommen hat. Schwarze, ungebändigte Locken, blaues Hemd, Drei-Tage-Bart in markanten Zügen.
  „Wir werden hier wohl nichts kriegen“, amüsiert er sich und ich frage mich, was er daran so komisch findet. Überhaupt: Was heißt hier: 'wir'?
  „Das ist ja mal wieder typisch“, murre ich meinen Ärger heraus, „der Laden platzt vor Gästen und die haben nur eine Bedienung! – Da!“ Ich schlage auf die Armlehne meines Stuhls. „Schon wieder läuft er vorbei, dabei habe ich noch extra gewunken, und er hat ja auch gesagt, dass er gleich kommt!“
  „Aber nicht zu uns.“ Was heißt hier: 'zu uns'?! Wie kommt dieser Kerl dazu, sich mir so unverschämt anzubiedern, nur weil er zufällig am selben Tisch sitzt? Und hätte er nicht wenigstens fragen können, ob der Platz noch frei ist anstatt sich einfach ungefragt hinzubrezeln? „Sie möchten nicht wirklich etwas trinken hier, oder?“ Was für eine selten dämliche Frage! Weiße Zähne strahlen mich an.
  „Scheint wohl wenig Sinn zu machen“, erwidere ich, denn der Ober eilt gerade wieder mit seinem Tablett vorbei. Unterdessen strömt eine Gruppe junger Leute auf unseren Tisch zu. „Sorry“, ruft der Kellner ihnen von hinten zu, „da ist besetzt!“
  „O! Verbindlichsten Dank!“, flöte ich sarkastisch, schaue nach dem Kellner und spüre die Blicke des dunklen Lockenkopfes mit den Strahlezähnen.
  „Sie wissen's noch gar nicht, was?“, fragt er munter.
  „Was?“
  „Darum bin ich hier, um Ihnen das klarzumachen.“
  „Wovon reden Sie?“
  „Das ist nämlich gar nicht so einfach. Ich könnt's Ihnen in einem ganz knappen Satz sagen, aber ich weiß nicht, wie Sie das verkraften würden. Oje, oje!“ Er schüttelt die schwarzen Locken. „Geben Sie's auf, hören Sie auf, dauernd nach der Bedienung zu spähen und erzählen Sie mir lieber von sich: Was ist passiert?“
  „Was passiert ist?“, wiederhole ich irritiert und mein Gesicht fliegt zu ihm herum. Offener Blick aus Augen, die so blau sind wie sein Hemd. Die Arme ruhig auf dem Tisch verschränkt. „Ich höre, Sie hatten einen Autounfall?“ Woher zum Teufel...
  „Woher wissen Sie das? Wer sind Sie?“, entfährt es mir, empört und erschrocken zugleich.
  „O Pardon, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Mario; Mario Engel.“
  „Woher wissen Sie von meinem Unfall?? Wer hat Ihnen das gesagt?“
  „Bitte, Vera, regen Sie sich nicht auf, es ist ja alles in Ordnung!“ und, wie zu einer fremden Macht, die Hände erst durch sein Haar und dann in den violetten Himmel fahrend: „Was habe ich jetzt wieder Falsches gesagt? Es ist immer dasselbe: Ich will nett und freundlich sein, und treffe doch immer die falschen Worte...“
  „Sind Sie ein Freund von Frank? Hat er Ihnen von mir erzählt? Sind Sie ein Kollege?“
  „Sie meinen, ob ich auch Polizist bin? Ach du lieber Himmel!“ Jetzt lacht er wieder, schüttelt den schwarzen Schopf. „Nein, das bin ich nicht. Obwohl... nun ja, vielleicht so etwas Ähnliches.“
  „Was soll das heißen: So was Ähnliches? Detektiv?“
  „Damals war ich noch Sachbearbeiter bei einer Versicherungsgesellschaft. Nichts Aufregendes, wirklich nicht.“ Es klingt fast entschuldigend und gleichzeitig so, als wäre es schon hundert Jahre her, dabei ist der Mann an meinem Tisch kaum älter als fünfunddreißig. Ich frage: „Und jetzt Detektiv? Was wollen Sie von mir? Wer hat Sie beauftragt? War es Frank? Und wieso überhaupt? Was soll der ganze Unsinn?“
  „Es geht Frank sehr schlecht“, kommt es jetzt, unter einem tiefen Seufzer und der Mann, der sich Mario Engel nennt, beugt sich vertraulich zu mir herüber.
  „Ich weiß“, sage ich trocken. Frank. Er lässt mich also beobachten. Was soll das? Ist er völlig verrückt geworden?
  „Kommen Sie“, sagt Mario. „Lassen Sie uns ein bisschen gehen. Dabei können wir reden.“
  „Ja, das sollten wir wohl“, erwidere ich und, betont lauter und schnippisch, damit der Ober es hört: „Vielleicht gibt es ja hier in der Nähe noch ein Lokal, wo man auch bedient wird!“
  „Nein, ich meine spazieren gehen“, beharrt Mario. „Wir brauchen kein anderes Lokal. Oder haben Sie etwa auf irgendetwas Appetit?“
  Nein, das habe ich nicht. Noch immer nicht. Weder Durst noch Hunger. Nur traurig bin ich, traurig, wütend und ratlos.
  „Was hat er sich dabei gedacht?“, frage ich Mario. Gemeinsam schlendern wir die nach Gewitter riechenden Straßen entlang. Die heiß-kühle Föhnluft bauscht meinen Rock. „Will er noch mal meinen guten Vorsatz an Treue testen und hat Sie deshalb geschickt? Sind Sie etwa von einer – wie heißt das? -- Seitensprungagentur oder so was?“ Erschrocken bleibe ich stehen und Mario mit mir. An einer einsamen Straßenlaterne vor lila durchwirktem Himmel. Die Föhnluft weht in seiner Mähne. Lachend wirft er den Kopf in den Nacken. „Na was jetzt?“, fragt er heiter. „Köder oder Detektiv? Sie müssen sich schon entscheiden, Vera!“
  „Vielleicht ja sogar beides“, sage ich ernst. „Was ich Frank angetan habe, ist schlimm und es tut mir leid“, beteuere ich dann, denn ich bin sicher, dass Mario über meinen Fehltritt informiert ist. „Aber ich kann nicht mehr tun, als mich dafür entschuldigen. Er muss jetzt nicht noch irgendwelche Spielchen mit mir spielen. Sagen Sie ihm das.“
  „Ich ihm sagen?“
  Ich hebe die Schultern. „Mit mir spricht er ja nicht mehr.“ Wir gehen weiter. „Nicht nur, dass er mich ignoriert. Er lässt sich ja selber völlig gehen. Sie sollten mal sehen, wie es bei ihm zu Hause aussieht: Seit Tagen hat er nicht abgewaschen, die Bierdosen türmen sich in der Küche und im Wohnzimmer, und zum Dienst geht er auch nicht mehr. Sitzt statt dessen Tag und Nacht nur noch vorm Fernseher und kippt sich die Birne zu. Ab und zu geht er im Park spazieren oder holt Bier von der Tanke. Aber sonst – “ Ich beende den Satz mit einem Stoßseufzer. Mario trabt neben mir her, die sonnengebräunten Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans gehängt.
  „Sie denken, er ist böse auf Sie, aber das ist er nicht. Er hat Ihnen längst verziehen, glauben Sie mir.“
  „Ach ja? Das versteckt er aber sehr gut. - Überhaupt, woher wollen Sie das wissen? Hat er es Ihnen gesagt? Und wenn ja: Wieso sagt er Ihnen das und nicht mir?“
  „Er hat Ihren Brief gelesen.“
  „Brief?“ Abermals bleibe ich stehen, schaue zu Mario, greife mir ins Haar, das mir ständig ins Gesicht flattert. Der Wind ist stärker geworden und kühler. Leises Grollen in der Ferne. „Was für einen Brief? Ich habe ihm ja gar keinen geschickt, oder sagt er, das hätte ich?“ Gott im Himmel!, wie kaputt muss es in Franks Kopf denn nur aussehen? „Versäuft sich seinen ganzen Rest an Verstand“, murmle ich und Mario: „Na kommen Sie, Vera, gehen wir weiter. Sie müssen versuchen, sich mit den Gegebenheiten abzufinden und zu akzeptieren, dass es vorbei ist.“
  „Was soll das heißen: vorbei? Gerade eben sagten Sie noch, er hätte mir verziehen und jetzt, dass es vorbei ist? Was ist denn das für eine seltsame Logik? Und warum höre ich das von Ihnen? Hat er nicht einmal den Mut, mir das selbst zu sagen?“
  „Wie könnte er das..!“
  „Einfach den Mund aufmachen.“
  „Es geht Frank sehr schlecht“, beteuert Mario noch einmal. „Er ist am Boden zerstört, zutiefst erschüttert, und dazu hat er wohl auch allen Grund.“ Was soll ich darauf noch erwidern. Mir fällt nichts ein.
  „Erzählen Sie mir von sich!“, fordert Mario in mein Schweigen hinein. „Wann haben Sie sich kennengelernt und wie?“ Es ist merkwürdig: Statt mich über seine Neugier zu empören, zu protestieren oder überhaupt noch einmal nachzuhaken, fliegt meine Wut davon, und ich beginne dem fremden Mann an meiner Seite von unserer Liebe zu erzählen.
  Das Frühlingsfest am Gendarmenmarkt, wo wir uns zum ersten Mal trafen, Frank und ich, das berauschende Schmetterlingsgefühl im Bauch, als wir uns dann wiedersahen. Es scheint, als gleiten all diese Bilder noch einmal ganz lebendig und echt an mir vorüber: der erste Wein, der erste Kuss – unser gemeinsamer Urlaub auf Lanzarote und vieles mehr. Während ich rede, reißt der lila Himmel auf und schüttet seine Regenmassen über die Straßen, der Sturm zerrt an Kleid und Haaren, rüttelt an Bäumen, an Zweigen, an Straßenschildern und Laternen. Blitz und Donner knallen um uns herum. Ich habe davor immer Angst gehabt. Jetzt stört es mich nicht. Mario hat mich bei der Hand genommen und wir gehen wie alte Vertraute, ohne Eile, durch Sturm und Donner und Regen. Ich bin versunken in meine Erinnerungen an die schöne Zeit mit Frank, von der ich erzähle, und die Erinnerung wärmt mein Herz. Wie seltsam, ich kenne diesen Mann überhaupt nicht. Und doch tut es mir gut, in seiner Nähe zu sein und ihm meine Gedanken anzuvertrauen. Mario ist ein guter Zuhörer. Er fragt nach, nickt, ist interessiert; aus dem Abend ist längst Nacht geworden. Bald sitzen wir zusammen auf einer Bank im Park, lauschen gemeinsam der friedlichen Stille, nachdem sich das Gewitter ausgetobt hat und mir ist, als hätte ich ihm in den vergangenen Stunden mein ganzes Leben wie einen Teppich ausgebreitet.
  „Jetzt habe ich Ihnen so viel von mir erzählt, aber über Sie weiß ich immer noch nichts. Bis auf dass Sie einmal Sachbearbeiter bei einer Versicherungsgesellschaft waren“, denke ich laut. Durch Lindenbäume blinzeln die ersten Morgenstrahlen, die sommerblau den Beginn eines herrlichen Sonnentages versprechen. „Aber es tut gut“, füge ich lächelnd hinzu, atme den süßen Lindenduft ein. Ich liebe diesen Geruch von Nässe, Gras und feuchter Erde, ziehe ihn tief in meine Lungen. Die Bäume und Sträucher um uns herum triefen vor Nässe, so als würden sie unentwegt von einer unsichtbaren Hand ausgewrungen. Auf dem Boden ein paar Äste, vom Sturm abgerissen und hierher geschleudert. Ich spiele mit den Zehen über das Holz, wiederhole: „Ja, es tut wirklich gut. Ich fühle mich irgendwie – “ Ich suche nach Worten, um das wohlige, leichte Gefühl zu beschreiben, das mich umfängt. „So... befreit, ausgeruht, wie neu geboren.“
  „Das freut mich. Es ist nämlich wichtig, dass Sie den Schmerz loslassen. Nur dann können Sie gehen.“ Mario lächelt. Erst zu mir und dann in den frischen blauen Morgenhimmel hinein. Ich muss lachen. Gehen? Wovon redet er jetzt wieder? Waren wir nicht die ganze Nacht schon unterwegs? Und jetzt ist es morgens. Wie schnell doch die Zeit vergeht! Mir tun nicht mal die Füße weh. Wo sind wir hier überhaupt? Ist das nicht der Park, in dem Frank immer spazieren geht? Natürlich! Nur einen Steinwurf entfernt erkenne ich die Birke hinter der Hecke, die den Weg abgrenzt. Gegenüber der Kirschbaum. Rosarote Blüten, die sich neben den Lindenbäumen wie puschlige Wattebällchen abheben.
  „Was sind Sie jetzt, Mario?“, frage ich heiter und schaukle mit meinen nackten Füßen. „Detektiv oder Therapeut? – Hey! Da ist er ja!“
  Frank! Mürrisch, mit gesenktem Kopf und auf dem Rücken verschränkten Armen sehe ich ihn zwischen Sträuchern den Weg entlangkommen. Sofort will ich zu ihm laufen, aber dann entscheide ich mich anders. „Am besten, wir verstecken uns! Wenn er uns hier zusammen sieht, denkt er womöglich, wir haben wirklich was miteinander. Kommen Sie, schnell!“ Mario bleibt ruhig sitzen, hebt mir seine schönen schwarzen Augenbrauen entgegen und stöhnt: „Sie haben's anscheinend immer noch nicht begriffen...“
  „Was? Dass es vorbei ist? Wenn Frank wirklich Schluss machen will, soll er mir das gefälligst selber sagen und nicht so feige sein, jemand anderen vorzuschicken.. - Ach, was soll überhaupt dieser ganze Unsinn!“
  Genau, es reicht jetzt! Ich habe genug von dem Versteckspiel, eile auf Frank zu, der mit seiner Leidensmiene am matschigen Wegrand zwischen Birke und Kirschbaum stehenbleibt.
  „Warum?“, sagt er, als ich ihn erreicht habe, ohne den Kopf zu heben. „Warum bist du einfach so gegangen?“
  „Na hör mal!“ Ich stemme meine Hände in die Seiten. „Du hast mich schließlich rausgeschmissen! Hätte ich da etwa...“
  „So früh“, wischt er monoton über meine Worte hinweg. „Dabei war noch so viel zu sagen.“
  „Du wolltest doch nicht reden! Außerdem hat dein Freund hier, dieser Mario, gesagt, dass...“ Ein weiteres Mal komme ich nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen.
  „Es tut mir so leid“, sagt er, den Blick noch immer schwer auf den Boden gesenkt. „Es war ein Fehler. Ich hätte nicht einfach wegfahren dürfen.“
  „Was?!“
  „Wir hätten so...“ Er schluckt, hebt noch mal an: „niemals so auseinander gehen dürfen. Aber wie hätte ich das denn ahnen können...“ Instinktiv weiche ich einen Schritt zurück. Mir wird kalt. Wovon redet er? „Ich hab mich krank schreiben lassen“, geht es weiter, in dem selben murmelnden, emotionslosen Tonfall. „Die haben natürlich alle vollstes Verständnis auf dem Revier. Trotzdem ruft Werner ständig an, fragt, wann ich wiederkomme und wie's mir geht. So ein Blödmann! Wie soll es mir schon gehen – wie; ohne dich?“
  Ich stehe neben Frank, keine Armlänge entfernt. Der Morgenwind spielt in meinen Haaren und mit meinem langen weißen Kleid. Ich fühle den Sand unter meinen Füßen, sehe die Bäume rings umher. Ein sonniger Lichtkegel tanzt dort drüben, scheint durch die süß duftenden Linden, fast so, als warte er auf mich. Mario ist neben mich getreten. Er legt seine Hand auf meine Schulter. Beide schauen wir zu Frank. „Sorry, ich hab wieder keine Blumen dabei“, murmelt der nach unten. „Aber ich hab unser Foto wieder rausgeholt. Hab's auf den Nachttisch gestellt; das Foto aus Paris, das so so magst, weißt du.“
  „Verstehen Sie jetzt?“, höre ich Marios Stimme an meiner Seite, und Tränen verschleiern meinen Blick. Meine Lippen zittern.
  „Wann?“, frage ich nur, ohne mich zu bewegen. Der Lichtkegel in den Linden wird heller, strahlender, und ich erkenne, dass meine Frage überflüssig ist. Denn längst ist mein Blick dem von Frank gefolgt – auf das schlichte Holzkreuz mit den Daten, das hier, am Weg des Friedhofs in einem Meer von Blumen und Kränzen kniehoch aus dem frischen Erdhügel ragt. Nur einen Steinwurf von der kleinen Birke entfernt. „Am dritten Mai“, sagt Mario. „Noch im Krankenhaus.“ Ich nicke. Nun weiß ich auch, warum das Licht so warm strahlt, dort drüben zwischen den süß duftenden Bäumen, so lockend und hell. Und ich weiß, dass Mario gekommen ist, um mir den Weg zu zeigen. In all meiner Blind- und Sturheit habe ich mich immer nur erklären und entschuldigen wollen und nicht verstanden, dass mein Weg auf dieser Erde zu Ende ist. Aber jetzt verstehe ich es und – ja, ich kann es annehmen. Im selben Moment, wo ich das tief im Herzen tue, zieht ein Gefühl von unendlicher Liebe durch meine Seele, und aller Schmerz fällt ab.
  „Mach's gut, du Lieber“, sage ich zu Frank, der trauernd an meinem Grab steht. Ich weiß, er kann mich nicht hören. Jetzt, endlich, weiß ich es. „Sind Sie bereit?“ Ja. Wieder Nicken. Ich bin bereit, lege meine Hand in die meines Schutzengels und wir gehen ins Licht. Gehen zusammen nach Hause.


Ende





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