Home
Krimiraten Ludwig
Kontakt/Impressum



Oskar antwortet nicht



  Eines Tages bringe ich ihn um, denkt Martha und rührt mit dem Löffel in ihrem Kaffee. Dann schaut sie auf und ihre Mundwinkel zucken, bevor sie sie zu einem betont mitfühlenden Lächeln verzieht. Und dann sieht sie ihn wieder vor sich sitzen, so wie sie ihn immer vor sich sitzen sieht: krumm, klein, in sich versunken, der starre Blick mit stummem Vorwurf in wässrigen Augen, die zitternde Greisenhand seinen Apfelkuchen mühsam in kleine matschige Stücke zerteilend, und diese dann in seinen faltigen Mund schiebend. Ekelhaft, denkt Martha und sagt mit süßlicher Stimme:„Na siehst du, es geht doch schon viel besser heute, gell?“ Oskar antwortet nicht. Er kann nicht mehr antworten.
  Drei Monate ist das jetzt her mit diesem Treppensturz und der lange, entsetzliche Schrei war das Letzte, was er über seine Lippen gebracht hat.
  Mistkerl, denkt Martha und ihr Lächeln erstirbt. Warum hast du dir nicht dein elendes Genick gebrochen, warum musste es nur das Rückgrat sein? Und wie so oft in den letzten Wochen spürt sie wieder jene quälende Frage in ihrem Hirn pochen, die sie seitdem nicht mehr loslässt: Weiß er es? Hat der Schock wirklich die Erinnerung verdrängt? Kann er sich noch an den Stoß erinnern? Schaut er mich deshalb, jetzt, wo er nicht mehr sprechen kann, immer mit diesem starren, strafenden Blick an?
  Martha stochert in ihrem Apfelkuchen und denkt: Als ob ich nicht schon gestraft genug damit bin, dich rund um die Uhr durch die Gegend zu schieben! Dabei könnte ich frei sein, einfach nur frei.
  
  Ihr halbes Leben lang hatte Martha versucht, ihren Mann glücklich zu machen, hatte geduldig seine Besserwissereien ertragen und sein ständiges Tadeln, weil sie ihm nie etwas recht machen konnte.
  Ganz egal, wie viel Mühe sie sich gab: Oskar wurde nicht müde, ihr zu erklären, was alles verkehrt war: Sie kochte das falsche Essen, kaufte die zu teure Butter, das falsche Bier und gab sowieso immer viel zu viel Geld aus. Wenn er dann seinen abendlichen Rundgang durchs Haus machte, um die Sauberkeit in den Räumen zu kontrollieren, fand er regelmäßig etwas zu beanstanden. Und wenn mal ausnahmsweise alles in Ordnung schien, inspizierte er die Fensterscheiben oder Spiegel so lange nach Streifen, bis er welche fand. Martha litt schrecklich unter diesen Schulmeistereien ihres Mannes. Sie hatte gehofft, dass das aufhören würde, sobald er erst im Ruhestand war. Aber noch Jahre nach seiner Pensionierung verlor der überkorrekte Oberregierungsrat a.D. nie seinen Hang zur Pedanterie. Oskar prüfte, was es zu prüfen gab, kontrollierte streng, anhand der Quittungen,die sie ihrem Mann alle zwei Tage vorlegen musste, Marthas Einkäufe, um dann regelmäßig festzustellen, dass sie wieder mal viel zu viel von „seinem Geld“ ausgegeben hatte. In Gelddingen verstand er nämlich keinen Spaß. Aber auch in anderen Dingen verstand Oskar keinen Spaß.
  Eigentlich verstand er sowieso überhaupt keinen Spaß. Darum fiel auch nie ein nettes Wort zu Hause, ganz zu schweigen von den Zärtlichkeiten, nach denen sie sich so sehr sehnte und die es schon lange nicht mehr gab. Statt dessen gab es jede Menge Verbitterung, vor allem über das eigene Altern, die der zynische Endsechziger oft und gerne in ironische Seitenhiebe gegen seine knapp zehn Jahre jüngere Frau verpackte. Martha schluckte ihren Schmerz hinunter. Sie versuchte ihr Bestes. Und duldete still.
  Bis zu jenem Tag vor drei Monaten, wo ihr die Geduld riss. Zum ersten Mal. Dabei sollte es ein ganz besonders schöner Abend werden, dieser einundzwanzigste Februar, ihr Jahrestag, an dem sie einander kennengelernt hatten.
  Damals in der Tanzschule, als er noch groß und stark und schön und galant war, und eifrig darum bemüht, der schüchternen Krankenschwester zu gefallen, was ihm schon kurz nach der Hochzeit nicht mehr viel zu bedeuten schien. Der einundzwanzigste Februar war dann auch ein Datum, das Oskar – im Gegensatz zu seiner sonstigen Pedanterie – längst vergessen hatte.
  Und während er an jenem Tag, wie gewohnt, stundenlang im Hobbykeller über seiner heißgeliebten Uhrensammlung zubrachte, ließ sich Martha beim Frisör eine Dauerwelle legen, die ihr Mann erst bemerkte, als sie ihn am Abend selber darauf aufmerksam machte. Doch statt ein paar freundlicher Worte, die sie sich in über drei Jahrzehnten immer mal wieder erhoffte, hagelte es sofort Vorhaltungen wegen des Geldes, das „dieser Quatsch“ gekostet habe, und ohnehin sähen diese „albernen Kinderlöckchen“ bei einer Frau in ihrem Alter schlicht „affig“ aus. Dann war er aufgestanden und in seinen ausgeleierten Pantoffeln zur Kellertreppe geschlurft. Marthas Tränen saßen locker, während sie ihm hinterher lief.
  Ich habe es doch für dich gemacht!, weinte sie heraus, extra für dich habe ich mich heute so schön gemacht, heute ist doch unser Jahrestag!
  Oskar schüttelte den Kopf und lachte sein böses, humorloses Lachen: „Von wegen: schön gemacht!“, murmelte er einen seiner bitterbösen Kommentare, betrat die erste Stufe der steilen Treppe – und dann war es passiert, dass Martha rot sah und sie schubste ihn wütend in den Rücken. Es war nicht geplant gewesen, nichts war geplant, es war einfach passiert.
  Sie hörte seinen Schrei und war wie gelähmt. Erst, als ihr Mann am Fuß der Treppe so seltsam verrenkt und steif liegenblieb, eilte Martha hinzu, panisch vor Schreck. Sie sah diesen grässlichen starren Blick aus seinen weit aufgerissenen Augen und versuchte zu verstehen – was sie nicht verstehen konnte. Nur eines wurde ihr sofort klar: dass sie fortan eine Schuld in sich trug, die nie wieder gutzumachen wäre.
  Jetzt muss ich dich pflegen, hatte sie schließlich gedacht und sie versuchte ihr Bestes. So wie Martha immer bemüht war, ihr Bestes zu geben. Irgendwann in diesen letzten drei Monaten begann sie ihn zu hassen. Mit derselben Intensität, mit der sie ihn all die Jahre so tief und leidend geliebt hatte.
  „Mistkerl!“, flüstert sie jetzt abends oft im Bad, wenn sie sich die dünnen grauen Haare aufdreht. Ganz leise flüstert sie es und sieht ihn dabei im Augenwinkel in seinem Rollstuhl sitzen, hoffend, dass er sie nicht hört und sie denkt: Soll ich mich etwa darüber freuen, dass du nicht mehr an mir herumnörgeln kannst, nur, weil du nicht mehr sprechen kannst? Aber du kannst mich ja immer noch tadeln und maßregeln mit deinen knochigen Fingern und mit deinem starren, wässrigen Blick. Und dann schiebt sie den Rollstuhl vor sich her, um ihm zu zeigen, wo sie überall geputzt hat, und die Wut in ihr wächst mit jedem Schritt, den sie tut. Noch einmal, denkt Martha dann oft, und ihr wird ganz heiß, wenn sie mit dem Stuhl vor der Kellertür angelangt ist, noch ein einziges Mal ihn hinunterstoßen, hier, in seinem Rollstuhl, und diesmal mit voller Wucht, dann bin ich endlich frei. Jedes Mal hämmert ihr Herz zum Zerspringen laut, wenn sie diese abendlichen Momente vor der offenen Kellertür verharrt – bevor sie dann wieder von ihrem schlechten Gewissen eingeholt wird und eilig mit dem Stuhl zurück in die Stube schiebt.
  O, wie arm, wie elend und hilflos du doch von einen auf den anderen Tag geworden bist, denkt Martha jetzt, an diesem sonnigen Nachmittag im Kaffeehaus, und sieht aus schmalen Augen, wie ihr Mann zittrig seinen Apfelkuchen zerteilt. „Ich habe dir doch gesagt, wir müssen Geduld haben“, lächelt sie sanft. „Denk mal daran, wie schlimm das mit der Hand noch letzte Woche war!“ Sie isst ihren Kuchen, spürt seinen stierenden Blick fast körperlich dabei und denkt: Egal, soll er ruhig so schauen, ich lasse mir meinen Appetit nicht mehr verderben. Die Zeiten sind vorbei, an denen du dich darüber beklagen konntest, dass ich beim Essen spreche, die Gabel falsch halte oder sonst etwas tue, was dir nicht in den Kram passt. Du bist es heute, der peinlich ist, nicht ich.
  „Und jetzt“, fährt sie fort, „nach den Medikamenten von Professor Schneider kannst du sogar schon wieder alleine es--- “ sie hat es kaum ausgesprochen, da sieht sie, wie ihm die Gabel aus der Hand rutscht und samt Kuchenstück auf das blütenweiße Tischtuch plumpst. Und dann diese Augen: starr, durchdringend. „Es tut mir leid, Liebling“, stammelt Martha, wischt hektisch mit der Serviette über den Tisch und späht nach der Kellnerin. „Vielleicht hätten wir nicht hierher gehen sollen, aber ich dachte doch, es wäre schön, wenn du endlich mal wieder unter Menschen kommst.“ Das Café ist reich bevölkert. Neugierige Blicke fliegen die ganze Zeit schon immer wieder fragend bis verärgert wieder zu ihrem Tisch.
  „Lass sie ruhig“, flüstert Martha, pickt das heruntergefallene Kuchenstück auf ihre Gabel und legt es zurück auf ihren Teller. „Kümmere dich gar nicht um die Leute, versuch es einfach weiter. Nimm das Stück, hier, siehst du, ich gebe es dir, nimm es, iss es! - Na also, es geht ja! Klappt doch prima! Ich habe dir doch gesagt, dass wir das schaffen, gell, Oskar?“ Martha wartet auf eine Regung, und sei es die allerkleinste in seinem Gesicht, das sie ausdruckslos wächsern die ganze Zeit, seinen Apfelkuchen mampfend, vor sich sieht. Und die stummen, anklagenden wässrigen Augen, die sie nicht loslassen.
  Heute Abend werde ich es tun, denkt sie dann. Und niemand wird mir auf die Schliche kommen, sehen sie doch alle hier, wie rührend und liebevoll ich mich um ihn kümmere. Da wird mir niemand etwas Böses zutrauen. Jeder wird an einen Unfall glauben. Heute Abend, ja – Martha spürt den Puls in ihren Schläfen hämmern – heute Abend bin ich endlich frei.
  Ihre Mundwinkel zucken und für einen Moment sieht sie im Geist die Bilder seiner Beerdigung in flackerndem Nebel an sich vorüberziehen.
  Ein Sonntag im Regen. Außer ihr nur ein paar Nachbarn und Tante Rosi, die einen Kranz ins offene Grab wirft. Und Frau Müller von nebenan, bemüht schluchzend, während der Pfarrer irgendeine langweilige Rede hält. Und Martha in der ersten Reihe mit dem leeren Rollstuhl. Die Serviererin von hier, eingehakt neben ihr.
  Die Serviererin, ja, genau, auch die werde ich einladen, überlegt Martha, und die Bilder reißen ab. Freunde hast du ja keine gehabt. Die Mundwinkel ziehen tiefer. Deine einzigen Freunde sind deine gottverdammten Uhren. Aber keine Sorge, Oskar, wen ich auftreiben kann, werde ich einladen. Und alle werden mich weinen sehen an deinem Grab, stärker und ehrlicher als Frau Müller, und sie werden mir zutiefst gerührt kondolieren, weil sie denken, ich weine vor Trauer – dabei werden es Glückstränen sein.
  „Na, Frau Breuer“, lächelt die blonde Serviererin ihr jetzt zu und bringt das zweite Kännchen Schonkaffee. „Geht's denn schon etwas besser heute?“
  „Ach, ach“, seufzt Martha da schmerzlich und wiegt den kleinen Kopf mit den dünnen grauen Kinderlöckchen. „Sie sehen ja selbst, Fräulein...!“
  „Das tut mir so leid mit Ihrem Mann“, beteuert die Kellnerin mit mitfühlendem Seitenblick.
  „Ja, Oskar war immer so rüstig, nicht wahr? Und dann so ein unglücklicher Sturz. Na ja - “ Sie zwingt sich ein Lächeln auf: „Aber es hätte auch schlimmer kommen können. Wenigstens hat er es überlebt, nicht? Und, Sie sehen ja, Fräulein - “ Sie weist nach gegenüber, „mit dem Essen geht es auch schon wieder viel besser, gell, Oskar?“
  Oskar antwortet nicht. Natürlich nicht. „Er kann nicht mehr sprechen, wissen Sie. Professor Schneider meint, das Sprachzentrum hätte etwas abbekommen bei dem Sturz. Aber mit der Hand klappt es schon wieder viel besser.“
  „Na, wie schön“, lächelt die Kellnerin und beugt sich vertraulich zu Martha herüber. „Frau Breuer, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann“, sie senkt ihre Stimme, „dann lassen Sie es mich wissen, ja?“
  „Danke, mein Kind“, nickt Martha da und tätschelt mit ihrer Pergamentpapierhand die rosigen Finger der jungen Serviererin. „Das ist wirklich lieb von Ihnen.“ Und dann nickt die freundliche Kellnerin noch einmal mitfühlend und geht an einen anderen Tisch, an dem zwei Damen mittleren Alters tuschelnd vor ihren Schwarzwälderkirschkuchen sitzen und immer wieder sichtlich pikiert herüber sehen. Aber mehr als das spürt Martha den vorwurfsvollen Blick ihres Mannes und hält ihre Augen angestrengt auf ihrem Teller fest. „Hör auf!“, flüstert sie endlich mit zittriger, brüchiger Stimme. Sie lässt die Gabel sinken, schöpft nach Luft, schaut wieder hoch. „Was hätte ich denn sagen sollen, wenn sie mich fragt? Dass du nicht reden willst? Ja, ich weiß, was du meinst; sie sehen dauernd rüber, aber das tun sie nicht meinetwegen, erkennst du das denn nicht? - O Oskar..!“ Sie wischt sich erschöpft über die Stirn. „Ich wollte dir eine Freude machen, darum bin ich mit dir hierher gegangen.“ Und sie denkt: So wie ich dir immer, in all den gottverdammten Jahren unserer Ehe, eine Freude machen wollte und es mir nie geglückt ist. „Ich habe doch nicht gewusst, wie quälend das hier im Kaffeehaus für dich sein würde. Wollen wir gehen? - Also ja? - Fräulein, die Rechnung bitte!“
  
  Martha schiebt den Rollstuhl vor sich her. Sie ist froh, dass ihr wenigstens jetzt sein vorwurfsvoller Blick erspart bleibt. Sie steuert durch den Park, hört die Vögel zwitschern und in ihrem Hirn hämmert die quälende Frage, ob sie heute wirklich den Mut findet, es zu tun. Dann versucht sie sich abzulenken, denkt über das Abendessen nach, das Fernsehprogramm und den morgigen Termin bei Professor Schneider. Alles läuft durcheinander, denkt Martha und hört ihren Mann im Rollstuhl schmatzen. Ekelhaft, denkt Martha. Sie schiebt den Stuhl schneller. Wenn er mich nicht anstarren kann, muss er schmatzen. Fast so, als hätte er ständig Angst, ich könne seine Anwesenheit vergessen. Aber ich vergesse sie nicht. Und:
  „Keine Sorge, keine Sorge“, murmelt sie vor sich hin, so wie sie es schon seit drei Wochen immer wieder tonlos vor sich hinmurmelt,und: „Wir schaffen das schon, wir kriegen das alles hin.“ Wie zur Antwort klingt das Schmatzen in ihren Ohren, und Martha stoppt vor dem Ententeich und wünscht sich, sie könnte ihn da jetzt einfach mit voller Wucht hineinstoßen und kalt lächelnd zusehen, wie das flaschengrüne Dreckwasser den verdammten Rollstuhl samt schmatzendem Ehemann nach und nach verschluckt. Niemals mehr den stummen Vorwurf in seinen wässrigen Augen ertragen müssen. Oder sein Schmatzen. Sie macht die Augen zu und denkt an heute Abend, daran, wie sie Oskar wieder durchs Haus schieben wird, um ihm, seinem tattrigen, zittrigen Knochenfinger gehorchend, die sauber gewienerten Räume zu präsentieren. Irgendwann würde sie dann wieder vor der Kellertür verharren und mit wild rasendem Herzen auf ihren Mut warten. So wie es jeden Abend ist.
  „O Gott, ich halte es nicht mehr aus! Warum hast du ihn nicht sterben lasen, warum musste er es überleben, warum...“ Martha stockt, als sie erkennt, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hat. Erschrocken fährt sie sich mit der Hand vor den Mund. Ob er es gehört hat? Ob er ahnt, was sie vorhat? „Verzeih mir, Oskar, bitte verzeih mir, ich habe das nicht so gemeint“, presst Martha heiser hervor und schließt ihre Finger fest um die Rollstuhllehnen. Und dann fühlt sie wieder den kalten Schweiß an ihrem Haaransatz und das schlechte Gewissen, das ihren Hass vertreibt und Martha am ganzen Körper erbeben lässt.
  Nein, sie will es nicht, will das doch gar nicht, will ihn doch wieder lieben, so wie sie ihn all die Jahre geliebt hat. Trotz seiner Nörgeleien, seiner ständigen Besserwisserei und seinem pathologischen Geiz, trotz seiner Lieblosigkeit und Kälte – lieben! Martha rollt den Stuhl weiter. Das Grün der Bäume verschwimmt hinter ihren Tränen – lieben, trotz allem.
  „Ein schönes Essen mache ich uns heute Abend“, beschließt sie versöhnlich und blinzelt die Tränen fort.
  „Was magst du denn gerne?“ Im Supermarkt zeigt sie auf die Koteletts an der Fleischtheke. „Magst du ein Kotelett? Ja?“ Und sie denkt: Wie soll ich das wissen, wenn du nicht eine Miene verziehst! Dennoch kauft sie das Fleisch und bereitet es am Abend liebevoll zu. Mit Kartoffeln, Rotkohl und brauner Sauce. Aber dann, zu Hause am Abendbrottisch, sieht sie ihn wieder mit seiner zittrigen Hand die Fleischstückchen, die sie extra für ihn zurechtgeschnitten hat, ungelenk auf seine Gabel pieken, und sie fühlt seinen anklagenden Blick. Martha lässt ihr Besteck sinken, sie presst sich eine Faust vor die Stirn. Er weiß es, hämmert es, wie so oft, in ihrem Kopf, er weiß es noch, ganz sicher weiß er es noch, sonst würde er mich nicht immer so ansehen. O, wie marterst du mich mit deinen Blicken, wie unerträglich ist es, unentwegt diesen eisigstummen Vorwurf ertragen zu müssen.
  „Hör auf!“, flüstert sie erstickt. Heiße Tränen steigen in die Augen, sie presst sie zusammen, bebend von Kopf bis Fuß. „Ich bitte dich, Oskar, hör auf damit; hör auf, mich so anzustarren!“ Aber sie spürt es weiter, selbst mit geschlossenen Augen, das unerbittliche Starren des Ehemanns, ein gnadenloser, giftiger Pfeil, der tief in ihre Seele dringt. Sie hält es nicht aus, schreit endlich: „Also ja, ja, ja! Ich habe es getan, ich habe dich gestoßen, ja – “ Schluchzend fällt sie in sich zusammen, „aber es tut mir doch so leid! Ich war wütend auf dich, und da – O Oskar, ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen! Oder wenigstens...“ Die Stimme bricht, sie stockt, schaut wieder auf: „Nein, Oskar“, heftig schüttelt sie den kleinen, grauen, künstlich gelockten Kopf. „Nicht, was du jetzt denkst. Ich bin ja froh, dass du es überlebt hast, und es wird ja auch alles wieder gut werden, ganz – “ schniefend reibt sie sich mit dem Handrücken unter der Nase. „Ganz bestimmt wird es wieder gut werden. Du hast gehört, was der Professor gesagt hat. Und wenn du weiter regelmäßig deine Medikamente nimmst – “ Sie stockt abermals. Dieser Blick. Stumm und wissend und tadelnd.
  Martha hebt die Brauen. „Willst du nichts essen?“, fragt sie nun, in völlig verändertem Tonfall. Ihre Lider zucken. „Na schön, dann leg die Gabel hin.“ Martha steht auf. Ihr Mund ist trocken. „Leg sie ruhig hin, du kannst es. - So ist es gut. Und jetzt komm.“ Sie tritt hinter den Rollstuhl, in ihren Ohren rauscht das Blut. „Komm, ich zeige dir das Haus.“ Ihr wird heiß. „Ich zeige dir, wie gut ich es in Ordnung halte.“ Ruhig schiebt sie den Stuhl aus der Küche. Über hellen Laminat geht es den Flur entlang. Martha öffnet die Badezimmertür, sie schaltet das Licht ein. „Da, sieh: Alles strahlt vor Sauberkeit. Hier: Waschbecken und Badewanne sind gründlich ausgescheuert, siehst du? Keine Flecken und die Armaturen glänzen, genau, wie du es magst, gell?“ Marthas Stimme schwankt. Weiter, den Korridor zurück zum Wohnzimmer. Martha schwingt die Tür auf. „Auch hier, siehst du, Oskar?“ Der Stuhl surrt über den Teppichboden. „Es ist alles sauber heute, keine herumliegenden Zeitschriften, jedes Sofakissen an seinem Platz. Gehen wir weiter, komm, zur Veranda, hier - “ Martha zieht die Stores auf. Sie öffnet die Glastür. „Schau, kein Krümel Blumenerde auf deinem heißgeliebten Terracotta, und die Fenster blitzen vor Sauberkeit. - Was?“ Ach, wieder das Schmatzen! „Vielleicht hast du Recht“, erklärt Martha. Mit jeder Silbe steigt die brennende Wut an. Sie schiebt den Stuhl. „Es sind wieder Streifen drauf. Ich werde es wohl nie lernen, eine gute Hausfrau zu sein. Aber was soll's. Dann nehme ich mir eben eine Putzhilfe.“ Und dann steht sie mit dem Stuhl plötzlich wieder vor der Kellertür und die Hitze in ihr pocht bis unter die Schädeldecke. „Eine Putzhilfe, hörst du, Oskar?“ Sie schiebt die Tür weit auf. „Weil ich ja sowieso nichts richtig kann.“ Die steile Treppe in gähnende Dunkelheit, ein finsteres Loch ins Nichts. Ein Stoß nur, noch einmal nur, ein einziger, kräftiger Stoß. Martha umkrampft die Rollstuhlgriffe. Ihr Puls rast wie verrückt. „Ich habe ja nie etwas richtig gekonnt, nicht wahr, Oskar?“ Sie hört ihn schmatzen, ganz schnell, ganz hastig, fragt: „Was ist, Oskar, was hast du denn? Hast du etwa Angst? - Angst, dass ich dich noch einmal die Treppe hinunter stoßen könnte? Ich könnte es tun, Oskar, ganz leicht wäre es, du könntest nichts dagegen machen. Und ich hätte endlich Ruhe...“
  Und da ist er plötzlich wieder: der eisige Schreck, der ihr in die Glieder fährt und die Hitze verjagt. Martha zieht hörbar Luft durch den Mund, sie eilt mit dem Rollstuhl zurück in die Küche, zitternd und bebend an allen Gliedern.
  „O Gott!“, flüstert sie, wirft sich in einen Küchenstuhl und schluchzt in ihr Taschentuch: „O Gott, was hätte ich da beinahe getan! Verzeih mir, Oskar, bitte verzeih mir!“
  Oskar schweigt und sie weint und schämt sich und bittet um Vergebung.
  Doch schon am nächsten Tag wünscht sie sich, sie hätte es getan und wäre nicht wieder von ihrem schlechten Gewissen eingeholt worden. Aber vielleicht – Martha schiebt den Rollstuhl durch den Park, schaut grimmig ins Blaue – vielleicht, denkt sie, finde ich heute den Mut dazu. Und wie zur Antwort hört sie ihren Mann schmatzen, so wie sie ihn immer schmatzen hört, wenn sie durch den Park fährt und wie immer in den letzten drei Monaten fährt sie dann ins Kaffeehaus und sieht seinen stummen, starren, anklagenden Blick aus wässrigen, kalten Augen auf dem Platz gegenüber --

wo, wie immer, nichts als ein leerer Rollstuhl steht.

Ende.





Zurück