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Krimiraten Ludwig
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Das Treffen in Telgte







oder:





Die frierende Trivialautorin

eine unwahrscheinlich authentische Erzählung



  „Es heißt ja auch nicht 'Telgte', sondern 'Telchte'“, wird man aufgeklärt, nachdem in der erlauchten Runde ein paarmal hin- und herüberlegt wird, wie man jenes kleine, verschlafene Nest an der winzigen Ems denn nun richtig ausspricht.
  Trotzdem, sagt jemand, hab ich trotzdem noch nie gehört, den Namen. Sekundenlanges Schweigen.
  „Nie Günter Grass gelesen, junge Frau?“, tönt da ein Bass aus dem sechs bis acht Personenpulk im Lehrerzimmer und lächelt etwas herablassend-milde zu der „jungen Frau“ herüber. Mit ihm lächelt das halbe Lehrerzimmer – nur eine nicht: die „junge Frau“. Die bin übrigens ich, und ich denke – in dicken, schwarzen Lettern, die malerisch in meinem Kopf hochsteigen: „Das war der zweite Patzer.“ Der erste war ein kleiner, grammatischer – oder heißt es grammatikalischer? - Diskurs, ob das Wörtchen „Rest“ automatisch den Singular bedinge oder ob es auch mal der Plural sein könne? Ich bin für Singular, und liege prompt verkehrt damit, was mir auch schnell klar wird – nachdem ich es gesagt habe. Ja, verdammt, ich bin halt nervös. Nun also Grass, der das Buch „Das Treffen in Telgte“ geschrieben hat, was ich nicht weiß, wiewohl ich zweifellos weiß, wer Günter Grass ist: der Vater von der blöden Laura nämlich, aus alten Berliner Niedstraßen-Kindertagen, und der hier über allem schwebt wie der liebe Gott persönlich. Er hat „Die Blechtrommel“ geschrieben und „Ein weites Feld“ und „Das Häuten der Zwiebel“ und noch vieles mehr. Und eben auch jenes „Treffen in Telgte“, was ich nicht kenne und was vielleicht auch gar nicht weiter peinlich wäre, es nicht zu kennen, wenn dies hier ein ortsansässiger Kegel- oder Schützenverein oder ähnliches wäre – aber es ist der „Verband Deutscher Schriftsteller“. Und ich mitten drin als neues Mitglied.
  Ich versuche mich rauszureden: Ach so! Das Telgte hat er damit gemeint, der Günter Grass, ja, dann ist das natürlich klar und: Ja, sicher hab ich's gelesen, aber das ist soooo lange her, dass ich gar nicht mehr genau weiß, worum es da eigentlich... Während ich noch versuche, diese Blamage möglichst jovial als Erinnerungslücke zu deklarieren, poltern energische Schritte übers Linoleum, und eine dicke, feste, rote Hand streckt sich mir entgegen. „Ich hab Sie im Internet gegoogelt und gleich wiedererkannt!“, dröhnt es in den Raum. Mausgrauer Kurzhaarschnitt, robustes, festes, kantiges Gesicht, aus dem, in professionell-freudiger Erwartung, ein Paar ungeschminkter Blauaugen strahlt. Die Stimme ist laut und bleibt es auch: „Sind Sie meine Vorleserin?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schüttelt sie meine Hand, die kurze, kantige Frau mit dem kurzen, kantigen Haarschnitt, und ich bin einen Moment perplex, überlege, was sie meint. Ich bin, wie meine Kollegen, für eine Lesung eingeladen. Jeder von uns trägt vor einer Schulklasse aus seinem Repertoire vor. Das ist die erste Station der Literaturtage in Telgte. Nun diese Frage. Ihre „Vorleserin“? Meint sie, ich solle ihr etwas vorlesen? Oder etwa gar, ich solle etwas von ihr vorlesen? 'Sind Sie meine Vorleserin?' Ich kapier es nicht, schaue ratlos in diese geschäftsfreundlichen Make-up-losen Blauaugen – und frage schließlich nach.
  Ja, die Kinder, meint sie natürlich, die Lesung in ihrer Klasse, der 8a. Endlich verstehe ich, bejahe, freue mich auf die Kinder und sage es auch. Obwohl, lenkt sie ein, die Frau Engelmann oder Engelfrau, oder irgendetwas, das zu ihrer rustikal-burschikosen Erscheinung passt wie Veilchenparfüm zu Buttersäure; obwohl, lenkt Frau Buttersäure also ein und ihre Stimme nimmt eine vertrauliche Färbung an, ohne jedoch leiser zu werden, die 8a, die sei „ein wenig schwierig“, und ihre Klasse sei das auch gar nicht, die Lehrerin sei krank und sie nur die Vertretung. Außerdem hätten die jetzt eigentlich Sport und eigentlich auch viel lieber Sport. Wegen der Literaturtage habe man das nun geändert und statt des geliebten Sports meine Lesung anberaumt. 'Na toll', denke ich, auch richtig in Buchstaben, fett gedruckt in 'Arial Black'. Während ich überlege, ob ich danach einen Punkt oder doch besser ein Ausrufezeichen setzen soll, klopft mir die kurze Frau Buttersäure auf den Arm (denn meine Schultern sind zu hoch für sie) und sagt, tapfer wie der General zu seinem Rekruten vor der längst verloren erkannten Schlacht:
  „Da müssen wir jetzt irgendwie durch.“ Und: „Die müssen wir mit der Lesung jetzt irgendwie kriegen.“ Denn die seien im Moment alle ein bisschen „maulig“.
  'Schöne Voraussetzungen für meine erste hochoffizielle Lesung.' Ich setze einen Punkt. Und mache mich an Frau Buttersäures Seite auf den Weg durch schmutzig-gläserne Flure, eine Treppe hoch zur 8a. Was ich denn überhaupt vorlesen werde?, fragt die kurze Frau und, etwas augenzwinkernd: „Sie schreiben ja auch Erotiksachen, hab ich auf Ihrer Homepage gesehen?“
  „Ja, aber das wäre wohl nicht so passend für eine achte Klasse. Darum“, setze ich fort, „habe ich eine kleine Mysterystory gewählt für heute.“ Warum sage ich 'klein'? 27 Seiten sind nicht 'klein', das dauert gut eine Stunde. Das weiß ich vom Vorlesen, mir alleine, zu Hause. Tagelang hab ich mich vorbereitet mit wachsender Nervosität, zuletzt im Auto, hier, auf dem Schulparkplatz. Ist die Geschichte wirklich so gut? Passt sie hierher? Dauernd hab ich mich das in den letzten Tagen gefragt – jetzt weiß ich es nicht mehr, aber jetzt ist es auch zu spät,und das Lampenfieber hat seinen Höhepunkt erreicht. Ein Sprung ins kalte Wasser.
  „Mysterystory“, sagt Frau Buttersäure und rudert merkwürdig mit den kantigen Schultern, überlegt, wie sie das im Vorfeld kommentieren soll. Sie hat sicher was anderes erwartet: Gedichte oder eine schlaue historische Abhandlung über weiß der Teufel was. Aber eine Mysterystory – das klingt nach Heftroman, das klingt nach Schund, nicht nach „Verband Deutscher Schriftsteller“. Eine Kollegin liest in einer Nachbarklasse Erzählungen aus ihrer russischen Heimat, nebst Landkarte, die zu Erklärungen dient, ein anderer liest lyrisches Irgendwas. Ich lese „Edwin“: Der schöne Dämon, der aus dem Fernseher flattert und meine unschuldige Protagonistin nach und nach in den Wahnsinn treibt. „Mystery also, aha, so, so“, macht Frau Buttersäure also schulterrudernd, und, mit bemühtem, erzwungenen Wohlwollen: „Das ist ja mal was anderes.“
  Wir betreten die Klasse. Ein paar Begrüßungsworte vor gelangweilt gähnenden Jungteenies. Die Lesung beginnt. Und – o Wunder! - sie kommt an. Ich bin glücklich, selig. Auch, wenn die Kinder nicht ganz verstehen, was ein „offener Schluss“ ist, ohne den eine solche Geschichte nicht funktioniert, was ich ihnen gerne nachsehe. Dass die Lehrerin es aber ganz offensichtlich auch nicht versteht (liegt das vielleicht daran, dass sie nicht Deutsch, sondern Mathe und Physik unterrichtet...?), ist ein anderes. Und dass sie ständig meinen Namen vergisst, schlicht respektlos. Egal. Die Schüler hatten eine gute Zeit, haben ihren versäumten Sportunterricht vergessen, sich in die Story hineinziehen lassen und sie genossen. Und das ist die Hauptsache.
  Dann der Spaziergang mit den Kollegen. Literarisch natürlich, mit Führung. Altmeister Grass schwebt über allem, und unsere Leiterin - eine robuste Endfünfzigerin mit schnellem Schritt und dunklen Locken, die ein bisschen an die Frau unseres Altkanzlers, Loki Schmidt, erinnert – wird nicht müde, jede Ecke, jedes Häuschen und jeden Fluss (na ja, es gibt ja nur einen) in Bezug zu seinem Buch – ja: „Das Treffen in Telgte“ - zu setzen. Wo Grass welche Eingebung gehabt habe, als er hier war, und wo anno 1636 („Nein!“, unterbricht sofort ein weiser Literat, „1637 war's!“) Friedensverhandlungen anlässlich des dreißigjährigen Krieges abgehalten worden seien, und wer alles daran beteiligt gewesen sei und welche Dichter dabeisaßen und miteinander debattiert hätten – „Hier, in Telchte“ - alles „ganz authentisch!“, betont die Führerin (angesichts des femininen Suffix' darf man das Wort wohl hier benutzen, ohne üble Missverständnisse hervorzurufen, oder?). Ja, authentisch; „ganz authentisch“ sei das also in der berühmten Grass-Novelle wiedergegeben, betont die Führerin – macht eine Kunstpause, in der sie listig von einem zum anderen blickt – und schließlich verrät: „Denn diese Dichter haben sich in Wahrheit nie getroffen!“ Man ist beeindruckt, staunt mit „Ah's!“ und „Oh's!“ Ich bin irritiert: Wieso „authentisch“, wenn die sich nie wirklich getroffen haben? Ich verkneif mir die Frage, ziehe weiter mit durch das kleine Nest. Der nächste Stopp an der mickrigen Ems.
  „Sehen Sie die Windmühe da hinten?“ Frau Loki weist durch verschwommenes Regenwetter den Flusslauf entlang. Dunkelgraues Gras und Bäume vermischen mit Fluss und Himmel, nichts hat Farbe bei dem Wetter, nichts Kontur. Und der Regen, der seit ein paar Minuten schon eingesetzt hat, bringt neben seiner widerlichen Nässe, wahre Eisesgrade mit. Dort hinten sei Grass an der Mühle vorbeigekommen, begeistert die Führerin, die sich von dem nassen Gepladder nicht aus dem Konzept bringen lässt, ihre erlesene Zuhörerschaft, und Grimmelshausen selbst habe sich hier vom Protestanten zum Katholiken umtaufen lassen. War es Grimmelshausen oder ein anderer Barockdichter? Während ich es schreibe, weiß ich es nicht mehr, hab's vergessen. Und eigentlich ist es auch ganz egal, denn nachdem sie es gesagt hat, legt die Führerin eine weitere schelmische Pause ein, bevor sie verkündet: „Er ist nämlich niemals in Telchte gewesen!“ Wer? Grimmelshausen oder Grass? Oder vielleicht sogar beide? So langsam verstehe ich gar nichts mehr.
  Und in dem Stil geht es weiter: nämlich, dass die gegen Wind und Kälte und Regen unempfängliche Stadtführerin alle zwei bis drei Sätze betont, wie „authentisch“ sich hier alles abgespielt habe, damals, das Dichtertreffen in Telgte, anno sechzehnhundert-sonstwas, das hier „nie stattgefunden“ habe, und dass Günter Grass darum auch so haargenau alles aufschreiben konnte, was sich hier abgespielt habe, weil es sich hier eben „nie abgespielt“ habe. Oder so. Ich kann längst dem ehrfürchtigen Staunen meiner Kollegen nicht mehr beipflichten, und auch die Mühle am dreckverschmierten Horizont kann ich nicht erkennen, die Günter Grass in der Novelle erwähnt habe und die er – die Stadtführerin macht eine energische Geste nach geradeaus auf ein durchgeweichtes Stück Wiese – kurzerhand dorthin versetzt habe für sein Buch. Statt dessen schlottere ich in meinem dünnen Sommerjäckchen in der Telgter Eises-Regen-Kälte vor mich hin und hoffe, dass es niemand merkt. Es folgt ein Exkurs über den „Butt“, den Meister Grass in den sechziger Jahren geschrieben hat und ich denke an die alten, verhassten Kindertage in der Niedstraße zurück.
  Sechziger Jahre. Da hat er also den „Butt“ geschrieben, der Günter Grass, während seine blöde Tochter Laura mit mir nicht nur in einer Straße, sondern auch in einer Grundschulklasse war und in jedem Aufsatz oder Diktat kaum was anderes als eine fünf zustande brachte. Was jedes Mal oberpeinlich für sie war und die Lehrer auch gar nicht verstehen konnten; war ihr Vater doch „so ein berühmter Schriftsteller“! In der übrigen Zeit ließ sie keine Gelegenheit aus, mich zusammen mit Merula und Carola und Regina und den anderen aus der Klasse zu verspotten, zu quälen und zu schikanieren. „Mobbing“ würde man das heute wohl neudeutsch nennen. Was ein fröhliches Wort dafür, Schwächere gnadenlos fertig zu machen.Ich hatte jeden Tag Angst zur Schule zu gehen. Und jeden Tag Angst vor dem nächsten.
  Dann Lauras Geburtstagsfeier. Großes Gartenfest im Hause Grass. Ein wunderschöner Klinkerbau mit verwildertem Märchengarten. Traumhaft. Nur nicht für mich. Denn die Kinder machten sich bald einen Spaß daraus, mich – die für alle in diesen Grundschultagen nur „die doofe Hörndler“ war – unter einem Vorwand in den Keller zu locken und dort einzusperren. Wie lange? Ich habe keine Erinnerung daran. Auch nicht, wie ich da wieder raus kam. Ich kann mich nicht einmal mehr an die Angst erinnern, die ich dort ausgestanden haben musste. Alles nur Bruchstücke. Genau wie der Gang durch das Grass'sche Bilderbuchhaus, der irgendwann einmal stattfand und bei dem ich einen Blick ins Allerheiligste erhaschen durfte. Ohne dabei zu wissen, wie allerheiligst jenes Dachstübchen des – stets unsichtbaren – Meisters tatsächlich war. Es mag nur ein kurzer Augenblick gewesen sein, aber der Duft nach Frieden, nach Ruhe und seliger Abgeschiedenheit war so unbeschreiblich stark, dass man ihn förmlich atmen konnte. Unsichtbare Kostbarkeiten hingen in der Luft. Dazu schweres Nussbraun und – für mich auch im Nachhinein noch immer beeindruckend – ein Stehpult, kein Schreibtisch. Ich hätte mich nie gewagt, irgendetwas in diesem Raum, in dieser erhabenen zeitlosen Stille, die mich so magisch umfing, auch nur zu berühren. Und frage mich heute, wie der Meister wohl reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass jemand sein Arbeitszimmer, ohne sein Wissen, einfach so betreten hat; noch dazu ein achtjähriges Kind! Ich, Tatjana, die „doofe Hörndler“, die keine Ahnung hatte, wie berühmt der schriftstellernde Vater der blöden Laura wirklich war.
  Entschuldige, Laura, solltest du diese Zeilen jemals lesen. Du warst wahrlich nicht die Schlimmste aus dieser Horrorschule, hast mich nie selber schikaniert oder geärgert. Aber hast zugelassen, dass es deine Freunde taten, zugeguckt und mitgelacht – und das ist auch nicht viel besser.
  „Ach je!“, seufzt die lockige Stadtführerin jetzt in meine Kindheitserinnerungen hinein. „Und was machen wir nun mit Ihnen?“ Zitternd vor Kälte und Nässe halte ich mich an mir selber fest. Ich hasse es, dass Kaltsein so weh tun kann. Dabei habe ich noch eben das Wunderwerk vollbracht, auf der Gedankenflucht in Günter Grass' zeitlos geborgenem Arbeitsstübchen beinahe vergessen zu haben, wie eisig es hier ist. Mein Körper hat es nicht. Der schlottert weiter vor sich hin und die mitfühlende Nachfrage der Stadtführerin zieht mich augenblicklich wieder in die Außenwelt zurück. Nass, kalt, Wind, Regen. Ein hochgewachsener Literat mit albernem Zylinderhut und spitzer Nase schmunzelt aufmunternd zu mir herüber.
  „Ist nicht so schlimm“, bibbere ich, quäle mir ein Lächeln auf und Frau Loki fährt in ihren Ausführungen fort.
  Kalt. Kalt. Kalt. Mir ist so fürchterlich kalt, dass ich glaube, mir klappern alle Knochen. Ich denke an meine heimatliche Badewanne, und an die spartanische Pension an der B51, die die billigste ist, die ich kriegen konnte -- und die keine hat. Ob die anderen auch frieren?, frage ich mich. Und wieso es ausgerechnet immer ich bin, die bei jedem Wetter falsch angezogen ist. Immer wieder unterbricht unsere Stadtführerin ihre Erklärungen über Barockdichter und Grass und Telgte und schaut mich mitleidig an. Warum – verflucht nochmal – gehen wir denn auch nicht endlich weiter?
  Wir tun es endlich und mit einem: Das-könne-er-nicht-mehr-mit-ansehen schwingt sich der spitznasige Literat aus seinem Mantel und legt ihn mir um die Schultern. Ich danke höflich, lehne ab. Zwecklos. Er besteht drauf. Es ist mir peinlich. Aber noch peinlicher wäre es wohl, wenn wir jetzt eine endlos Ping-Pong-Real-Satire-Aufführung begönnen aus Aufdrängen und Ablehnen und ich noch mehr in den Fokus geriete vor dem zunehmend amüsierten Publikum.
  Ganz abgesehen davon, dass es eine Wohltat ist, nicht mehr frieren zu müssen. Es ist wunderbar warm unter dem schweren, dick gefütterten Stoff.
  Das ist es auch etwa eine halbe Stunde später, als die Führung zu Ende ist und ich mit vier Kollegen (die anderen haben sich anderweitig verstreut) in einer gemütlichen Gaststätte sitze. Bei Tee und Kaffee plaudert man über dieses und jenes. Ich erfahre, dass mein Gegenüber - ein untersetzter älterer Herr mit Silberhaar und beständigem Lächeln im Gesicht - Satiriker ist (daher wohl das beständige Lächeln). Jahrzehntelang habe er für den „Stern“ geschrieben, für „Pardon“ und Gedichte für die „Süddeutsche Zeitung“. Mein respektvolles Staunen ist echt. Wer Gedichte (Gedichte!) für die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, der muss schon einiges drauf haben. Der andere – ebenfalls ältere – Herr schreibt Essays und – ebenfalls – Gedichte. Die Dame an seiner Seite – sehr hochgezogene Augenbrauen unter grauer Wischmopp-Tolle - verfasst Erzählungen und Essays. Eine Frau, etwa mein Alter, mit kugelrundem Rattenkopf und ebensolchem Körper, legt wortlos ihr neues Buch auf den Tisch (Warum, frage ich mich, tut sie das?). Jeder nimmt es nun für ein paar Minuten blätternd in die Hand und sagt etwas Nettes dazu (Aha, darum hat sie das getan!). Als ich an der Reihe bin, lobe ich das Cover (ein alter, rostiger DDR-Sicherungskasten...). Tatsächlich sagt es mir ebenso wenig wie der Titel selbst: „Kein Zugang“ oder: „Zugang blockiert“ oder irgendwas in der Art. Die Texte darin in Strophenform abgefasst, ohne Reime. Viele Wortneuschöpfungen und innere Monologe zu verschiedenen Alltagsthemen. Keine Interpunktion, was mich stört. Alles kleingeschrieben, stört mich ebenfalls. Ich verstehe auch nicht ganz, was das alles soll. Aber immerhin: Sie hat schon einen Namen auf dem Büchermarkt, so wie die anderen auch, und der blanke Neid zerfrisst mir die Seele, wenn ich sie so miteinander reden höre von:
  „Mein Verlag hat blablablabla...“ und: „Mein Verlag hat jenes...“ und: „Mein Verlag hat dieses...“
  Mein Verlag hat gar nix. Ich habe nämlich gar keinen. Und alles, was ich von Verlagen bisher mitgeteilt bekommen habe, ist immer nur jener berühmte Dreizeiler, dass mein Manuskript 'leider nicht in das derzeitige Verlagsprogramm' passe und man mir dann: 'Viel Erfolg bei der Suche nach einem passenden Verlag' wünsche. Wenn überhaupt eine Antwort kommt. Meine „Qualifikation“ für die Aufnahme in der „Verband Deutscher Schriftsteller“ sind einzig die paar Ratekrimis fürs Theater, nicht die vielen Kurzkrimis und -geschichten, die ich für die Yellow-Press geschrieben habe.
  Als ich gefragt werde, sage ich das und fühle mich längst deplaziert zwischen diesen großen Dichtern und Denkern, die sich auch sofort ihrer hohen Rollen bewusst sind.
  „Aha, aha“, heißt es mit undefinierbarem Ausdruck in den weisen Mienen. Bis auf den der Frau mit dem Rattenkopf. Die aufgeworfene Oberlippe gibt ihre Nagezähne frei, und auch die dahinter, als sie jetzt grinst. „Aha“, heißt es also, als ich eben die Schwierigkeit erwähnt habe, für meinen achthundert Seiten langen historischen Kriminalroman einen Verlag – ja, auch nur eine Agentur! - zu finden. „Ja, das ist immer schwer mit - “ Und jetzt kommt's: „Trivialliteratur.“ So sagt der Herr und in seinen tiefliegenden Gelehrtenaugen steht: „Wir sind was Besseres.“ Dazu sein beständiges Satirelächeln.
  „Ja, ja“, pflichten die anderen ihm bei, es mit „Trivialliteratur“ zu schaffen, das sei „wie ein Sechser im Lotto“.
  Na toll. 'Trivialliteratur' also. Warum sagen sie nicht wenigstens 'Belletristik'?
  Ich zwinge mir ein verbindliches Lächeln auf, beschließe, nicht weiter nachzuhaken und ziehe mich zurück. Erst mental, dann auch physisch. Ich müsse noch schnell in meine Pension, bevor die Versammlung im Religio-Museum abends startet, setze ich als Entschuldigung hinterher und eile von dannen.
  „Entschuldigung“, sagt da der spitznasige Autor, der, von einem anderen Tisch aufgesprungen, hinter mir herläuft. Aber den Mantel – die Tür fällt zu, er hinterher: den bräuchte er schon zurück. Da merke ich erst, dass ich ihn noch immer an habe. Ja, mein Gott nochmal, warum hat er denn vorher nichts gesagt?
  „Sorry“, murmle ich und bin dabei, mich aus dem edlen, beinahe bodenlangem Stoffteil herauszupellen.
  „O nein“, hüstelt er da sofort verlegen, und: So habe er das nicht gemeint, jetzt, hier auf der Straße, da würde ich ja gleich wieder frieren. Verdutzt bleibe ich stehen. Ja, wie denn dann? Will er etwa mit in meine Pension, damit ich ihn erst da ausziehe oder was? Mein ratloser Blick lässt ihn noch einmal hüsteln. Dann lächelt er, erzählt was vom „Kollegium“ und dem Treffen später am Abend, und Erzählungen, die er schreibt, und ich nutze, im gelb diffusen Licht einer Straßenlaterne, erstmals die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.
  Er redet schnell und mit fahrigen Gesten seiner langen dünnen Arme und Hände. Dazu dieser alberne Zylinderhut, der sein Gesicht im Schatten lässt. Dunkler Anzug mit langen Schößen und sogar – jetzt erst sehe ich es: ein Spazierstock mit Elfenbeinknauf, den er vor lauter Zappeligkeit kaum stillhalten kann. „Lesen Sie da etwa auch was vor?“, fragte ich und meine das Treffen im Religio-Museum.
  Ja, sagt er. Eine kleine fantastische Erzählung mit Zauberern und Feen und so was. Darum also der seltsame Aufzug, denke ich. Er will wohl auch optisch zu seiner Story möglichst gut passen. Und er beschreibt weit in die eingedunkelte Regenluft mit Armen, Händen und Spazierstock: Ganz neu sei die Geschichte und bisher noch unveröffentlicht.
  „Ich bin gespannt, ob sie den Herrschaften gefällt“, bemerkt er, und ich berichte von der Mysterystory, die ich heute Mittag den Kindern in der Schule vorgelesen habe und wie es ihnen gefallen hat, und dass ich trotzdem das Gefühl habe, nicht so recht in diesen erlauchten Literatenkreis hineinzupassen.
  „Das tut man nie,“ sagt der spitznasige Zylinderhutträger und wieder einmal verstehe ich nicht. Was tut man nie? Das Gefühl haben, da reinzupassen oder da tatsächlich nicht reinzupassen?
  Längst sind wir beide unterwegs durch die regennassen Telgter Straßen und während meine Schritte laut übers Pflaster klacken, hört man ihn überhaupt nicht. Jedenfalls nicht seine Schritte. Ob er denn eine gute Unterkunft gefunden habe, frage ich, nur um etwas zu sagen. O ja, antwortet er, drüben im „Wilden Mann“. Das sei ein rustikales Gasthaus, das Gebäude noch aus dem Mittelalter. Er will weitererzählen, dann unterbricht er sich, lächelt – und sagt:
  „Sie dürfen sich das nicht so zu Herzen nehmen.“ Wir nähern uns dem verwaisten Schulgelände mit seinen dreckiggrauen Fensterwänden. „Diese Leute meinen immer, etwas Besseres zu sein. Oder glauben Sie, mich nimmt jemand von denen ernst?“ Das könnte allerdings auch an seinem Outfit liegen, denke ich und verkneife mir diese Bemerkung. Stattdessen erzähle ich ihm von meiner Peinlichkeit mittags im Lehrerzimmer, weil ich diese Novelle von Günter Grass nicht kannte.
  „Ich kenne nicht einmal den Dichter!“, sagt die Spitznase lachend. Ich bin verblüfft. Ein Autor, der noch nie von Günter Grass gehört hat?
  „Ja, aber...“, beginne ich verdattert und breche ab, weil ich nicht weiß, wie der Satz weitergehen soll.
  „Meinen Sie, ich fühle mich deswegen weniger gebildet?“ Wir gehen weiter. Meine Schritte hallen vom aufragenden Schulgebäude neben uns.
  „Ich bin Jurist, nicht aus Neigung, weiß Gott nicht. Mein Vater drängte seinerzeit darauf, einen Brotberuf zu ergreifen, wie es so schön heißt. Ich kann Ihnen die Gesetzesbücher samt all ihrer vermaledeiten Paragraphen vorwärts und rückwärts aufsagen. O ja, ich bin eine geachtete, respektable Persönlichkeit – in Gerichtsdingen, Strafangelegenheiten und dergleichen. Aber wissen Sie, was? Es ödet mich an, dieses ganze Juristenkauderwelsch. Mein Herz, mein ganzes Glück, ja, mein Seelenheil, wenn Sie so wollen, hängt an der Kunst. Tagsüber Richter, abends Dichter. Ha! Das reimt sich sogar!“
  Ich muss lachen.
  „Na also, jetzt habe ich Sie schon ein bisschen aufgemuntert“, stellt er fest und funkelt vergnügt aus den tiefliegenden Augen unter seinem Zylinderhut. „Aber ich war noch gar nicht fertig. Sehen Sie: Was ich an Respekt und Ansehen in meinem Amtsberuf habe, das fehlt mir nämlich ganz gehörig im schriftstellerischen Bereich. Sehen Sie – “ Dieses ständige 'Sehen Sie' scheint eine Eigenart von ihm zu sein. „Sehen Sie“, sagt er also wieder einmal. „Als Dichter belächelt man mich, bespöttelt mich, ja, lacht mich sogar bisweilen ganz offen aus. All diese Herren Schlauberger, die meinen, alles besser zu wissen und zu können. Nur: Wissen sie's? Können sie's? Und am allerwichtigsten von allem: Sollte mich das von meinem Wege abbringen?“ - 'Wege', er sagt tatsächlich: 'Wege', nicht: 'Weg'!
  „Der Zweifel ist Gift für die Seele. Und diese ganzen angeblich so hochgelehrten Miesmacher nur pathologische Neider. O, wie habe ich gekämpft, um endlich in diesen geachteten Dichterkreis aufgenommen zu werden! 'Wichtig, wichtig!', so hallte das schlechte Gewissen in meinem Schädel, 'du brauchst diese Leute, brauchst die Kontakte, die guten Beziehungen, ohne die du nicht weiterkommst in deiner Kunst!'“ Ein in den Himmel gestoßenes, abfälliges: „Ha!“ und er schüttelt den Kopf.
  „Wollen Sie etwa behaupten - “ Ich taste in meinem Sommerjäckchen unter dem wunderbar warmen Mantel nach meinen Autoschlüsseln, „ - wollen Sie etwa behaupten, dass es egal ist, Beziehungen zu Leuten aus der Branche aufzubauen?“
  „Keinesfalls. Ich will nur davor warnen, zu viel Gewicht darauf zu legen und sich nichts mehr wert zu sein, im Falle man scheitert. Sehen Sie – “ Sein ständiges „Sehen Sie“ geht mir allmählich auf die Nerven. „Sehen Sie, vor einigen Jahren noch ging es mir alles andere als gut. Ich lebte in Bamberg, arbeitete viel fürs Theater.“
  „Ich schreibe auch Stücke fürs Theater!“
  „O, mit dem Stückeschreiben hatte ich bedauerlicherweise weniger zu tun, eher mit dem Bühnenbild.“
  „Dann sind Sie auch noch Bühnenbildner?“ Es fällt mir schwer, ihn mir in diesem Beruf vorzustellen, aber noch schwerer fällt es mir, mir meinen kuriosen Wegbegleiter als – was hatte er noch gesagt? - Richter vorzustellen. Ob das alles überhaupt stimmt, was er mir da erzählt?
  „Aufgrund der widrigen Umstände damals war ich meines Amtes für einige Zeit enthoben worden und musste dringend Geld verdienen. In Bamberg ginge das leichter als in Berlin, sagte ich mir. Unter uns: In Berlin ging für mich gar nichts mehr zu der Zeit.“
  „Das war bei mir genauso. Nach dem Abi habe ich keinen Studienplatz gefunden, weder in Berlin noch in Potsdam. Darum bin ich ins Rheinland gezogen und hab dann in Bonn studiert. Aber in Bamberg hatte ich mich auch beworben. - Aber Entschuldigung, ich wollte Sie nicht unterbrechen. Haben Sie denn gleich genug verdient als Bühnenbildner?“
  „Eben nicht! Und das, obschon ich dort auch das Orchester leitete, ja, zeitweilig sogar als Theaterdirektor höchstselbst tätig war!“
  „Das ist ein Problem heute. Ich arbeite auch in verschiedenen Berufen und trotzdem komme ich kaum über die Runden. Das haben wir alles dieser Agenda 2010 zu verdanken. Die reden vom 'Jobwunder' und schaffen in Wahrheit nur lauter Billigjobs, von denen kein Mensch leben kann! Moderne Sklavenhaltung ist das. Aber so kann man natürlich schön die Statistiken säubern.“
  „Eines Tages traf ich einen Freund“, fährt die Spitznase, ohne auf meinen Einwand einzugehen, fort, „der mir einen lukrativen Auftrag in Aussicht stellte.“
  „Als Dichter?“, frage ich, bemüht, mich seiner altertümlichen Wortwahl anzupassen, die noch immer so typisch für diese ganzen Juristenberufe ist.
  „Nicht das“, sagt er. „Es ging um Karikaturen, die ich erstellen sollte.“ Alle Achtung! Zeichner ist er also auch noch? „Ein kleines Bändchen, das ein Kollege bebildert haben wollte“, erklärt mein Begleiter und fuchtelt mit seinem Stock in der Luft. „O!, ein gar fürstliches Honorar wurde mir dafür in Aussicht gestellt! Und ich legte mich ins Zeug; skizzierte, malte, zeichnete, vom späten Abend bis ins Morgengrauen hinein, so lange, bis mir die Finger schmerzten. Ich vernachlässigte sogar meine Theaterarbeit darüber; froh und zuversichtlich ob meiner gewichtigen Beziehungen zu jenem Freunde, der mir aus meiner wirtschaftlichen Not herauszuhelfen versprach. Nun raten Sie, was geschah!“
  „Jemand anders hat Ihnen den Auftrag weggeschnappt, und Sie blieben auf Ihren ganzen schönen Zeichnungen sitzen“, konstatiere ich die absehbare Pointe seine Erzählung. Die Spitznase stöhnt schwer, senkt das Zylinderhaupt im Gehen und schweigt einen Moment, so als täte ihm die Erinnerung daran immer noch weh. „Und doch“, setzt er endlich fort. „Hätte mich das auf Dauer verdrießen sollen? Alles aufgeben, was mir die Kunst aufgetragen, einer kleinen Niederlage wegen? Mich verstummen machen in der Literatur? Mich, den man im Gegensatz zu all diesen namenlosen Schreiberlingen in hunderten von Jahren noch als einen der bedeutendsten Geschichtenerzähler und Karikaturisten seiner Epoche verehren wird? - O lachen Sie nicht, liebe Dame, lachen Sie nicht!“
  Ich kann nicht anders. Seine verrückten, auf beinahe rührende Art größenwahnsinnige Reden, das kuriose Fuchteln der langen Arme und Hände mit seinem Spazierstock dazu..! Ich beiße mir auf die Lippen.
  Da ist mein Auto. Verloren steht es als einziges inmitten gähnender Parkhäfen. Ich schließe die Fahrertür auf. Wieder ein: „Sehen Sie“ und: „Es ist der innere Weg, der zählt, nicht das äußere Gefunkel. Darum lassen Sie sich nicht entmutigen. Die Kunst hat sich Ihnen anvertraut, ist zu Ihnen gekommen und ist es wert, gehegt und gepflegt zu werden. Sie ist kostbarer als alles Gut und Geld, überdauert Kriege und viele Menschenleben. Durch sie erlangen wir manchmal sogar unsere eigene Unsterblichkeit. Jedenfalls – “ ein kleines, verschmitztes Lächeln, „ - ein paar von uns.“
  „Na, Sie müssen es ja wissen!“, gebe ich schmunzelnd zurück. Er lächelt still in mein Gesicht, nimmt dann meine Hand und drückt sie mit fester Herzlichkeit: „Zweifeln Sie nicht an sich, liebe Dame. Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen befiehlt und zweifeln Sie nicht.“ Ich sage: „Danke für den Mantel“ und gebe ihn ihm zurück, den er diesmal auch protestlos entgegennimmt. „Wir sehen uns dann sicher später noch bei der Lesung, ja?“ Ein seltsames Nicken mit seltsamem Lächeln. „Ich bin schon gespannt auf Ihre Story.“
  „Moment, warten Sie!“ Er kramt in seinen Manteltaschen, zieht ein kleines Buch hervor. „Sehen Sie, ich schreibe auch manchmal satirische Kurzgeschichten und Novellen. Das hier ist der erste Teil, aber mein Verlag drängt schon auf eine Fortsetzung. Da - “ Und schon ist es wieder weg, dieses wonnig-vertrauliche Gefühl, nicht alleine zu sein mit meinem ganzen unveröffentlichten „Trivial-“ Geschreibsel. Also auch er, der spitznasige Zylinderhutträger, der längst „seinen“ Verlag hat. Und diese ganze, mir eben noch so wohltuende: „Mich-nimmt-auch-keiner-ernst“- Solidarität sickert zusammen mit den nachmittäglichen Regenlachen den Rinnstein entlang in den Gulli. „Ich möchte es Ihnen schenken.“
  „Vielen Dank“, sage ich ernüchtert und schiebe das Buch in meine Handtasche, ohne auf das Cover zu blicken. Ich habe keine Lust auf ein verlogenes Lobhudeln über entworfene irgendwas-Covers, die ich nicht verstehe. Ich werde es mir später ansehen. Oder auch nicht.
  „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagt der seltsame Juristen-Autor und klingt beinahe feierlich dabei. Ich bedanke mich, sage: „Bis später dann!“ und steige in mein Auto.
  Da steht er, mit seinem langen, warm gefütterten Mantel, Spazierstock, und dem Zylinderhut auf dem Kopf und lächelt freundlich. Ich winke ihm zu, als ich losfahre, und ihn noch einige Zeit im Rückspiegel sehe, bevor ich auf die lichtlose B51 einbiege und meine lichtlose Pension suche.
  Nach zwei bis dreimal dran vorbeifahren finde ich sie endlich und mache mich auf meinem Zimmer für das spätabendliche Treffen zurecht, während Hannelore Elsner im Flachbildschirm endlose Selbstbeweihräucherung mit ihrer Ich-bin-ja-so-zart-und-zerbrechlich-Stimme betreibt. Später fahr ich wieder los, parke an der Schule, und wandere – da überall Fußgängerzone – ein weiteres Mal durch das einsame Nest namens Telgte. Statt einer Sommerjacke habe ich jetzt zwei übereinander an. Für winterliche Temperaturen habe ich nämlich nichts dabei.
  Ich passiere das Gasthaus „Zum Wilden Mann“, von dem die Spitznase erzählt hat, und wo er für die Literaturtage untergekommen sei, und das noch von zwölfhundert-sonstwas stammt, wie ich auch von der Stadtführerin noch weiß, und wo sich diese ganzen Barockdichter damals getroffen haben (die sich ja – wohlgemerkt – nie getroffen haben). Ein reger Tumult drängt aus dem Wirtshaus. Ich höre Lachen und Trampeln, sehe bunte Kleidung durch lichtgelbe Fenster schimmern, Klaviergeklimper dringt durch eine angelehnte Tür, über der – ganz urig - zwei brennende Fackeln prangen. Dazwischen das Eingangsschild: 'Zum Wilden Mann'. Schmunzelnd ziehe ich weiter. Ob im Religio-Museum auch so eine ausgelassene Stimmung herrscht?
  Aber nein, hier ist natürlich alles etwas gediegener, stiller, intellektueller – samt intellektueller Jazz-Musik, die so falsch klingt, dass sich mir die Fußnägel kräuseln. Dazwischen wird gelesen. Besinnliches, Historisches, Politisches – Satirisches. Die Autoren wechseln ab, auch der „Stern“-„Pardon“- Schreiber ist darunter und eine Frau, die so neu im 'Verband Deutscher Schriftsteller' ist wie ich.
  Der spitznasige Zylinderhutträger ist nicht dabei. Schade eigentlich. Ich war schon ein bisschen neugierig auf seinen Vortrag. Außerdem war er so schön verrückt. Ich hätte jetzt gerne ein Glas Wein mit ihm getrunken und ein bisschen mit ihm gequatscht. Statt mit Zylinderhut komm ich mit der Kollegin ins Gespräch, die auch was vorgelesen hat. Ja, ihr sei auch fürchterlich kalt gewesen heute Mittag, sagt sie und sie habe am Abend gleich in die Badewanne gewollt aber vergebens nach einem Stöpsel gesucht. Wir lachen, trinken noch einen Wein zusammen, verabreden uns für die Tagung morgen nebeneinander zu setzen.
  Spät nachts dann wieder die Suche auf der B51 nach meiner Pension. Erschöpft betrete ich mein Zimmer. Tür zu. Fernseher an. Hannelore Elsner haucht ihre persönlichen Schönheitstipps in die Kameras (schon wieder oder immer noch??), und wie toll sie es finde, dass sie bald siebzig wird. Dann räkelt sie sich stöhnend an einem VW-Käfer am Meeresstrand. Ich räkel mich in mein Hotelbett und lasse mich von Frau Elsners Perwoll- Gehauche in den Schlaf gleiten.
  Am nächsten Morgen dann die Tagung. 'Verband Deutscher Schriftsteller' spannt sich ein Banner hinter der Bühne, auf dem der Vorstand Platz genommen hat. Ich habe neue Kontakte geknüpft, bin erleichtert, neben oberschlauen Dichtern und Satirikern auch noch ein paar „ganz normalen“ Autorinnen – ein paar für Kinderbücher, ein paar für Kurzgeschichten – begegnet zu sein, mit denen ich gemeinsam in der Mittagspause Spargelsuppe löffele. Wir reden über die Kinderbücher.
  Ein türkischer Kollege gesellt sich zu uns. Er beschwert sich über die Schule seines Sohnes, wo nur deutsch gesprochen werden dürfe und sammelt Unterschriften dagegen. Ich bin selber Lehrerin, kenne das Dilemma von Migrantenschülern, die dem Unterricht kaum folgen können, weil sie die deutsche Sprache so schlecht beherrschen, dass sie die einfachsten Sätze nicht formulieren können. So eine Regelung macht Sinn und hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Der türkische Kollege sieht das anders und regt sich fürchterlich auf. Ich bin zu feige, meinen Standpunkt klar zu vertreten, druckse ein bisschen um den heißen Brei -- und unterschreibe. Später ärgere ich mich darüber. Denn das Thema kommt auch in der Konferenz auf den Tisch und einige Kollegen sehen die Sache genau so wie ich. Vorher aber wird noch über vieles andere gesprochen, diskutiert, vorgestellt; der Bürgermeister von Telgte hält eine Rede, der Vorsitzende der „Literaturbüros“ in NRW ebenfalls. Meine Tischnachbarin Sabine und ich trinken abwechselnd Tee und Kaffee und naschen Schokolade. Dann Themenvorschläge für Geschichten für das nächste Treffen. Heftiger Streit bricht los: Alles viel zu seicht, zu unterhaltsam, in Ruanda hungern die Menschen, in Afghanistan Krieg, und dann diese ganzen NSU-Morde! Da müsse man doch endlich mal was tun!, erzürnt sich eine Frau mit Raspelfrisur und bunter Flickenweste. Ein anderer schäme sich dafür, deutsch zu sein, ein nächster dafür, hier zu sein. Dann geht es plötzlich um den „Völkermord“ der Türken an den Armeniern. Das Stichwort für die beiden türkischen Kollegen, die das heftig bestreiten und einen ebenso wütenden wie ausufernden Bericht über das Osmanische Reich vom Zaum brechen. Der Vorstand kann schlichten, beruhigen, eindämmen. Und bald sind wir wieder beim Thema unseres Hierseins angelangt: Der Literatur.
  Sabine und ich notieren Wissenswertes mit – vor allem, was es über diese neuen E-Book -Verlage zu erfahren gibt. Dazu noch mehr Kaffee, Tee und Schokolade. Zwischendurch immer mal wieder eine Abstimmung. Für Themenvorschläge, Anträge oder Ablehnungen und mehr oder weniger Hände, die in die Höhe ragen.
  Naziaufmarsch in Mecklenburg-Vorpommern. Wieder die Frau mit der Flickenweste. Den müsse man unbedingt stoppen! Überhaupt begreife sie gar nicht, warum man hier so gar keine politische Initiative zeige! Der Applaus, auf den sie mit ihrer Äußerung abzielt, bleibt mager. Dann die „Erklärung von Telgte“: Der Entwurf eines Kollegen, der die zunehmende Kürzung in der Kunst- und Kulturförderung anprangert. Ein paar Kollegen gefällt zwar der Inhalt, aber nicht der Text. Diskussion: Wie ändert man's? Nach drei Durchläufen ist man endlich zufrieden, und nach einer weiteren hitzigen Diskussion will der Vorstand wissen, ob er – also der Vorstand – Grüße von uns an Günter Grass ausrichten dürfe?
  Auf keinen Fall, regt sich die Flickenweste sofort auf, nachdem sich Grass kürzlich so infam über Israel geäußert habe, sei das ja wohl der blanke Hohn. Raunen, Zustimmung, Unentschlossenheit -- Abstimmung. Schließlich schaut die Flickenweste betroffen-anklagend in die Runde. Denn die Mehrheit ist für Grüßen. Ich auch. Obwohl er der Vater von der blöden Laura ist.
  Sabine hat sich noch vor der Abstimmung verabschiedet. Nicht etwa aus Protest, oder um das „heikle Thema“ Grass zu umgehen, sondern weil sie ihren Zug nach Bielefeld kriegen muss. Wir beschließen, miteinander in Kontakt zu bleiben. Mal sehen, ob wir es schaffen.
  Die Tagung zieht sich und obwohl ich zwar keinen Zug verpasse, aber auch nicht in der Dunkelheit fahren will, stehle auch ich mich jetzt dezent von dannen.
  Meinen spitznasigen Zylinderhutfreund habe ich auch hier nicht wiedergesehen. Aber vielleicht habe ich ihn nur nicht erkannt, ohne Zylinderhut auf dem Kopf.
  Gegen Abend bin ich wieder im heimatlichen Köln und beschließe, mein eigenes „Treffen in Telgte“ aufzuschreiben.
  Bitte sehr, hier ist es und es schließt sich der Kreis.
  Während ich dies schreibe, läuft der Fernseher. Keine Hannelore Elsner diesmal (erst wieder in der Wiederholung der „Schwarzwaldklinik“ am Sonntag Vormittag, als Geliebte von Prof. Brinkmann), dafür WDR-Regionales. Sieh an, und Telgte wird erwähnt, das Literaturtreffen! Ich stelle den Ton etwas lauter und frage mich, beim Kommentatoren-Lob über eine alteingesessene Konditorei, warum Herrentorte eigentlich 'Herrentorte' heißt?
  Ein Bilderbuchrundgang. Ja, kenn ich, die Boutique, den Frisör, das Wollgeschäft, bin ich überall dran vorbeigekommen, und tagsüber war es da genauso trostlos einsam wie abends oder nachts. Ich verrühre die Milch in meinem Kaffee. Das einzige bisschen Leben da in dem Nest war das bunte Treiben im „Wilden Mann“, woran ich in jener Nacht vorbeigekommen war.
  Aber dieses urige Wirtshaus wird nur kurz erwähnt, als geschichtsträchtiger Ort eines Treffens im Sechzehnten Jahrhundert, wo damals noch berauschende Feste gefeiert worden seien. Bis ins Neunzehnte Jahrhundert hinein sei es auch als Hotel genutzt worden. Heute sei es ein Museum. So berichtet der Reporter und eine Gänsehaut stellt mir die Nackenhaare senkrecht. Ein Museum? Aber, nein, so ein Quatsch, das kann doch gar nicht sein; er meint was anderes. Bestimmt meint er was anderes, ich bin doch selber daran vorbeigelaufen und es war ein Gasthaus gewesen, kein Museum. Wie war noch mal die Adresse? Wo ist nochmal der Stadtplan von Telgte? Ich krame in meiner Handtasche, wo wieder mal viel zu viel viel zu ungeordnet herumfliegt.
  Unter anderem auch ein kleines Büchlein, das ich jetzt herausziehe, und der spitznasige Literat mit dem Zylinderhut fällt mir wieder ein. „Ich möchte es Ihnen schenken“, hatte er gesagt und mir sein Werk in die Hand gedrückt. „Manchmal schreibe ich auch satirische Kurzgeschichten und Novellen. Das hier ist der erste Teil, aber mein Verlag drängt schon auf eine Fortsetzung.“ Ich hatte das Buch wort- und blicklos in meiner Tasche verstaut. Jetzt brennt es wie Feuer in meinen Händen und mir stockt der Atem, während ich aufs Deckblatt schaue und die gedruckte Kurrentschrift auf dem Einband lese:
  'Fantasiestücke in Callot's Manier. Bamberg, 1814. Von E.T.A. Hoffmann'.


Ende





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