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Krimiraten Ludwig
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Chicago-Nights



  „Gib's zu“, schnarrte er leise und schob seine Hände tief in die Taschen seines Trenchcoats. „Du hast dich mit diesem Bullen eingelassen!“ Die stahlblauen Augen blitzten die üppige Rothaarige hinter dem Tresen gefährlich an. Das Lokal war billig, mies und fast leer.
  „Blödsinn“, sagte die Rote mit verrauchter Stimme. Aber ihr Blick hinter den geklebten Wimpern war unsicher, und ihre schlanken Hände, die nach der Whiskyflasche griffen, zitterten.
  Genau wie meine, während ich die Szene von meinem Platz aus beobachtete und aufgeregt nach der nächsten Salzstange angelte.
  Die Rote schenkte den Scotch in ein Glas und stellte es vor ihm ab. „Hier, Johnny, trink das und red' nicht solchen Unsinn. Ich habe keine Ahnung, wer dich verpfiffen hat, und ich habe auch nichts mit diesem Bullen. Frag doch die Kleine da drüben! Die weiß bestimmt, warum sie hinter dir her sind. Sie hat alles gesehen.“ Sie wies mit dem Kinn zu mir, setzte ein vieldeutiges: „Mehr als dir lieb ist!“ hinzu und ich hätte mich fast an meiner Salzstange verschluckt, als der eisblaue Blick des Gangsters jetzt in meine Richtung ging. Die rote Lilly lächelte abfällig. „Dem kleinen Blondchen ist nichts entgangen.“ Sie warf ihre Mähne in den Nacken, wischte mit einem Lappen die Salzstangenkrümel von der Theke und füllte das leer gefutterte Glas mit neuem Gebäck auf. „Weil ihr nämlich nie etwas entgeht. Jedenfalls nichts, was dich betrifft, Johnny – wenn du verstehst, was ich meine...“
  Ich schluckte. Mein Mund war trocken. Wie festgeklebt saß ich auf meinem Platz, nahm einen Schluck von meiner Cola und hielt mich krampfhaft an dem Glas fest. Drohend und langsam steuerte der breitschultrige Johnny auf mich zu.
  „Ist das wahr?“
  Verdammt! Lilly! Dieses gemeine Biest! Wie konnte sie mich nur so bloßstellen! Schon lange schwärmte ich ihn heimlich an, aber das musste er doch nicht auf so eine niederträchtige Art und Weise...
  „Hat Lilly Recht?“ brach er in meine Gedanken ein und blieb vor mir stehen, den Kragen hochgeschlagen, das sandfarbene Haar zerzaust vom Wind – und dieser hypnotische Blick aus diesem markanten, unrasierten Gesicht... Himmel, was für ein Mann..! „Was hast du gesehen?“ Ich war wie erstarrt.
  „Alles“, kam es von Lilly. Sie trug ihm seinen Drink hinterher. Die grünen Pailetten schimmerten unter ihrem tiefen Dekolletee. „Zum Beispiel, dass Fußmatten-Charlie den Stoff dem irren Gustini gegeben hat, bevor der ihn erledigt hat, und seine kleine Schlampe, die...“
  „Dich hat niemand gefragt!“, fuhr er scharf dazwischen. „Also halt den Mund und verschwinde.“
  „Aber Johnny, ich...“
  „Ich hab gesagt, du sollst verschwinden!“ Noch eine Sekunde traf ihn ihr grasgrüner Blick, aber als sie erkannte, dass seine Augen nur noch an mir klebten, stöckelte Lilly beleidigt davon und entschwand hinter einem Vorhang.
  „Du bist nicht von hier, kommst nicht aus Chikago, hm?“, fragte er nun und kippte seinen Scotch auf einen Zug.
  „Nein, ich...“, begann ich, zuckte erschrocken zusammen, als er das Glas zurück auf die Theke knallte und räusperte mich, um meiner Stimme einen festeren Klang zu geben. „Ich komme aus Deutschland, aus Hamburg. Ich studiere Soziologie im dritten Semester, weil ich einmal... einmal...“ Sein starrer Blick ließ mich frösteln, unsicher schaute ich auf meine Turnschuhe, die ich zu meinen Jeans und dem einfachen weißen T-Shirt trug. „...einmal im sozialen Bereich tätig sein möchte.“ Herrgott nochmal, ärgerte ich mich gleich darauf, fällt mir denn nichts Besseres ein, als ihm von meinem langweiligen Studium zu erzählen? Verdammt, Angelika, reiß dich zusammen!
  Johnny Randsome schob sich eine Filterlose zwischen die Zähne.
  „Sozialer Bereich?“, schnarrte er skeptisch. „Was soll das sein?“ Er riss ein Streichholz an, inhalierte tief den ersten Zug. „Etwa sowas wie Bulle?“
  „Nein, nicht Bulle.“
  „Dann interessiert es mich nicht.“ Er schnippte das Streichholz auf den Boden. Die Filterlose klemmte zwischen seinen Zähnen. „Lilly sagt, du weißt, warum sie hinter mir her sind?“
  „Ja“, sagte ich. Ich trank meine Cola aus. „Weil sie Osborne getötet haben.“ Peng! Und genauso hart wie er eben sein Glas, knallte ich jetzt auch meines auf die Theke – und lächelte, als ich sah, wie er darüber stutzte. „Aber ich weiß auch, dass Sie es aus Notwehr getan haben.“ Johnny Randsome schwieg einen Moment. Dann grinste er sein typisches schiefes Grinsen und schnurrte:
  „Du gefällst mir, Schätzchen.“ Er nahm die Zigarette aus dem Mund, warf sie auf die Erde. Gleichzeitig trat er noch näher zu mir heran. Seine Rechte strich mir sanft eine Locke hinters Ohr, die Linke hob mein Kinn. „Und das würdest du vor den Polypen bezeugen?“
  „Schon möglich.“ Ich schob seine Riesenpranke zurück, ohne meine Finger zu lösen, während ich seinem Stahlblick standhielt. „Die Frage ist nur, ob ich für die Bullen als Zeugin überhaupt relevant bin. Sie könnten mich ablehnen wegen – “ ich zog eine Braue in die Höhe, „ - Befangenheit...“
  „Ach, tatsächlich?“ Seine Stimme war ganz leise geworden.
  „Das... wäre doch möglich“, gab ich, ebenso leise zurück, meine Hand noch immer auf seiner, den Blick eingetaucht in seine blitzenden Augen. Und während sich die geöffneten Lippen in seinem unrasierten wettergegerbten Gesicht jetzt wie in Zeitlupe näherten, spürte ich ein Verlangen unter meiner Haut brennen, das mich ganz schwindlig machte. Die Hitze seiner Ausstrahlung nahm mich gefangen; heiß, siedendheiß atmete er mir ins Gesicht, umfasste mit der Rechten meinen Nacken, zog mich plötzlich mit einem Ruck zu sich heran und umschlang mich mit beiden Armen. Instinktiv versuchte ich ihn abzuwehren – aber da packte mich auch schon meine eigene Lust, als sich sein Mund fordernd auf meinen presste. Ich schlang meine Arme um seinen Hals, und unsere Zungen suchten sich in wilder Leidenschaft. Randsomes Umarmung nahm mir fast die Luft zum Atmen, so fest hielt er mich, seine Bartstoppeln piekten in meinen Wangen, aber diesen männlichen, starken Körper so dicht an meinem zu spüren, fachte meine Lust nur noch weiter an und ich stöhnte willig unter seinen Lippen, die wie ausgehungert an meinen saugten.
  „Oh, Johnny...“, keuchte ich zwischen diesen wilden Küssen, „Johnny, ich liebe dich so... schon so lange ich liebe ich dich...“
  Die Zunge zwischen den Bartstoppeln ging über meine Lippen, und die Wangen entlang bis hoch zur Schläfe und wieder hinunter an Kinn und Hals. Er fasste meine Schultern, drehte mich auf dem Barhocker herum, so dass die Theke meinen Rücken stützte. Mein ganzer Körper zitterte vor Wollust, als Randsome meine Taille umspannte und nun mit seinen riesigen Händen unter mein T-Shirt fuhr, die Wärme seiner Finger kribbelte in jeder Zelle, seine Hände glitten höher, ertasteten meine Brüste – o wie tat es gut! Ich schloss die Augen. Oh!, wie unendlich zärtlich seine kräftigen Finger mich streichelten und doch –
  „Nein, Johnny, nein, wir dürfen das nicht tun..“, keuchte ich mit letzter Kraft und presste meine Hände gegen seine Brust.
  „Hey!“ Sanft hob er mein Kinn. „Was ist los, Baby?“
  „Lilly“, stöhnte ich. „Was ist, wenn sie uns sieht?“ Schiefes Grinsen, seine Pranken gingen in mein zerwühltes Haar. „Mach dir darum keine Gedanken, Kleines.“ Und wieder bedeckte er mein Gesicht mit Küssen. „Sie wird uns nicht sehen“, flüsterte er, schob mein Shirt hoch. Die Zungenspitze feucht und gierig unter meinem Ohrläppchen. „Glaub mir, sie wird uns nicht sehen, Baby...“ Seine Finger spielten an meinem Bauchnabel; ein Prickeln, das meinen Schoß aufbäumen ließ und willig öffnete ich meine Schenkel, als er an den Knöpfen meiner Jeans nestelte...
  Doch plötzlich ließ er von mir ab, denn ein lautes Pochen hämmerte gegen die Tür und eine energische Stimme rief:
  „Machen Sie auf, Randsome! Wir wissen, dass Sie da drinnen sind!“
  „Verdammt, die Bullen!“ Da war er wieder: der schmale, glitzernde Blick des gehetzten Raubtieres. „Das war Lilly, sie hat mich verpfiffen, ich hab's doch gewusst!“
  „Machen Sie auf, Randsome! Das Haus ist umstellt, Sie haben keine Chance!“
  „Das wird sie mir büßen, dieses Luder...“
  „Johnny, bitte, mach keinen Unsinn!“, rief ich ihm nach, als er seine Waffe zog und aufsprang. Ich wollte ihn am Arm halten, aber ich griff ins Leere. Dann hörte ich Schüsse peitschen, Maschinengewehrsalven knallten dazwischen, ich schrie, duckte mich, hielt mir die Ohren zu ---

  --- und fuhr mit wild pochendem Herzen in meinem Fernsehsessel auf. Das Glas mit den Salzstangen war umgekippt, die Stangen verteilten sich auf dem Couchtisch. Und auf dem Bildschirm lieferten sich Polizei und Underdog Johnny Randsome eine wilde Schießerei im Keller einer miefigen Spelunke. In der nächsten Szene würde er in den Armen der verruchten Bardame Lilly, von einer Polizeikugel getroffen, und mit leisem Lächeln auf den Lippen verenden – erkennend, dass er sein kurzes, wildes Leben lang immer nur sie geliebt hat...
  Gähnend räkelte ich mich in meinem Sessel. Ich hatte diesen alten Schwarzweißschinken bestimmt schon ein halbes Dutzend Mal gesehen, aber irgendwie – ich lächelte verträumt – hatte er mir noch nie so gut gefallen wie heute...


Ende




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